25 Jahre Gasversorgung der Stadt Schlettau

Von Bürgermeister Arthur Schmidt, Schlettau.

Am 1.12.1926 waren 25 Jahre verflossen, seit die Stadt Schlettau zum ersten Male sich der Benutzung des Gases als Licht- und Wärmequelle erfreute. So selbstverständlich es dem einzelnen erscheinen mag, daß zu einem geordneten Gemeinwesen die Möglichkeit des Bezugs von Gas gehört, wird man doch den Stadtvätern von 1901 die Anerkennung nicht versagen dürfen, daß sie schneller und weitblickender als anderswo gehandelt haben, als sie die Errichtung einer eigenen Gasanstalt für die Stadt Schlettau beschlossen. Namentlich, wenn man bedenkt, daß viele Städte, auch größere, heute noch nicht in der Lage sind, ihren Einwohnern die Annehmlichkeiten des Gases zuteil werden zu lassen. Im Jahre 1901 bestand im Bezirk Annaberg nur eine städtische Gasanstalt; diejenige der Stadt Annaberg. Die Gasfabrik in unserer Nachbarstadt Buchholz befand sich damals noch in Privatbesitz. Landgemeinden hatten überhaupt noch kein Gaswerk. Erst auf Grund der Erfahrungen, die man in Schlettau mit einem Kleingaswerk gemacht hatte, entstanden nach und nach in den anderen entwickelten Orten des Annaberger Bezirks Gemeindegaswerke. Wenn man weiter in Betracht zieht, daß die Stadt Thum erst 1926 Gasversorgung erhalten hat und die Nachbarstadt Geyer solche für 1927 erhofft, so wird man begreifen, daß die Stadtvertretung Schlettau vom Jahre 1901 mit Recht ein gewisser Stolz erfüllt hat, so bald in den Besitz eines Gaswerkes gelangt zu sein. So leicht, wie es sich der Bürger von 1927 vorstellt, ist es aber auch damals nicht gewesen, ein Unternehmen in Angriff zu nehmen, das die für eine Stadt der Größe Schlettaus immerhin ansehnliche Summe von 140.000 Mk. Verschlang. Dazu kam noch, daß schon damals als Konkurrent die Elektrizität sich bemerkbar machte, freilich nur da mit gewissem Erfolge, wo umfangreiche Wasserkräfte zu ihrer Erzeugung zur Verfügung standen. Die Frage, ob Gas oder Elektrizität, spielte damals auch in Schlettau eine nicht untergeordnete Rolle, bis nach Prüfung alles Für und Wider der Stadtgemeinderat am 1. Juli 1901 einstimmig die Erbauung einer Steinkohlengasanstalt beschloß und den ersten Gaswerksausschuß wählte, dem die Herren Bürgermeister Zeidler als Vorsitzender, Stadtrat Albert Lehm und Stadtverordnete Louis Edelmann und Ernst Pilz angehörten. Als sachverständigen Berater gewann man Herrn Gasdirektor Achtermann, Annaberg. Die Erbauung der Gasfabrik wurde der Berlin-Anhaltschen Maschinenbau-Aktiengesellschaft, diejenige der Ofenanlage der Stettiner Schamotte-Aktiengesellschaft, und die der Gebäude dem heimischen Baumeister Vogelsang übertragen, die, angeregt durch die anerkennenswerte Entschlußkraft der Stadtvertretung, sofort an den Bau herantraten und ihn so lebhaft förderten, daß, wie bereits ausgeführt, schon am 1. Dezember desselben Jahres das Gaslicht in Schlettau erstrahlte.

Der Weihe des Gaswerkes wurde am 18. Dezember 1901 durch ein zahlreich besuchtes Festmahl im Saale des „Schützenhauses“ gebührender Ausdruck verliehen.

Das Gaswerk wies neben dem erforderlichen Kohlenlagerraum ein Ofenhaus mit 2 Retortenöfen auf, von denen der eine 2, der andere 3 Retorten eingebaut hatte. Zunächst wurde der 2er Ofen angefeuert und bis in den Spätsommer in Gebrauch genommen. Er gab in 24 Stunden 350 – 400 cbm Gas je nach der verwendeten Kohlensorte. In der Hauptsache wurde Zwickauer Wilhelm- und Brückenberg-Schacht-Rußkohle I zur Vergasung verwendet; daran ist bis zur Stillegung des Werkes (für eine höchste Tagesleistung von 1500 cbm eingerichtet gewesen) festgehalten worden, wenn nicht Kohlenmangel zu anderen Zwangsmaßnahmen trieb. Als die erzeugten Gasmengen nicht mehr ausreichten, kam der 3er Ofen an die Reihe, der, entsprechend seiner Retortenzahl, bis zu 550 cbm Gas am Tage durch die Apparatur stieß. Das Gaswerk war mit folgender Apparatur ausgestattet: 1 Kühler, 1 Wäscher und 2 Reiniger. Ein Dampfkessel, Gasometer, Stadtdruckregler und Stationsgasuhr vervollständigten die Ausstattung des Werkes, dessen technische Leitung bis Ende Juni 1908 in den Händen des Gasmeisters Martin lag. Das Ortsrohrnetz hatte bei der Inbetriebnahme des Werkes eine Länge von 5,178 km. An das Netz waren 78 Konsumenten und 61 Straßenlaternen angeschlossen. Nach Verlauf eines Jahres waren bereits etwa 1000 Leuchtflammen, 2 Motoren, 5 Heizöfen und etwa 100 Kocher installiert. Den Konsumenten wurde das Gas mit 20 Pfg. je cbm für Leuchtzwecke und mit 15 Pfg. je cbm für Kraft- und Heizzwecke abgegeben. Für Gasmessermiete mußten 25 und 35 Pfg. je Monat entrichtet werden. 10 Tonnen Kohlen kosteten damals frei Werk 137 Mk. Der anfallende Koks erbrachte 1 Mk. je hl = 84 Pfund, bei Abgabe in ganzen Fuhren 90 Pfg. je hl. Doch hatte sich die Koksfeuerung in Schlettau nie so recht eingebürgert, so daß der Absatz manchmal rechte Schwierigkeiten bereitete.

Ein sich als unzureichend erweisender Dampfkessel wurde im Jahre 1902 durch einen neuen Kessel mit 6 Atmosphären Ueberdruck und 10 qm Heizfläche bereitwillig von der Baufirma ersetzt. Nachdem das Werk in allen seinen Teilen fertiggestellt war, konnte man an die Eröffnungsbilanz herangehen, die folgende Werte ergab:

Grundstücke

5.728,22 M

Gebäude

37.055,74 M

Maschinen, Kessel, Inventar, Gasometer, Gasmesser, Straßenbeleuchtung

58.220,19 M

Ortsnetz

38.537,35 M

Summe:

139.541,50 M

Ein tilgbares Darlehn vom Landwirtschaftlichen Kreditverein Dresden in dieser Höhe sorgte für die Zahlungsfähigkeit der Stadt. Mit der Entwicklung des Werkes, über die die nachstehende Tabelle Aufschluß gibt, mußten nicht nur die Ausstattung des Werkes und seine Apparate, sondern auch die Gebäude erweitert werden. So wurde 1910 der dritte Ofen mit 4 Retorten erbaut, 1911 der Kohlenschuppen vergrößert und 1913 ein Werkstattanbau errichtet, schließlich auch ein weiterer Kühler und ein dritter Reiniger aufgestellt, letzterer hauptsächlich deshalb, weil man sich bei den Gasabnehmern über den wenig angenehmen, Stinkbomben ähnlichen Geruch des Gases immer wieder beschwerte. Alles Folgen des günstigen Gasabsatzes, der sich

1902 auf   80.995 cbm
1903 auf   96.215 cbm
1904 auf 111.605 cbm
1905 auf 115.540 cbm
1906 auf 120.690 cbm
1907 auf 130.350 cbm
1908 auf 140.075 cbm
1909 auf 154.068 cbm
1910 auf 165.685 cbm
1911 auf 176.345 cbm
1912 auf 181.325 cbm
1913 auf 157.360 cbm
1914 auf 136.090 cbm
1915 auf 121.190 cbm
1916 auf 125.435 cbm
1917 auf 134.190 cbm
1918 auf 130.830 cbm
1919 auf 118.395 cbm
1920 auf 128.180 cbm stellte.

An diesen Zahlen bemerken wir einen auffallenden Rückgang der Gaserzeugung in den Jahren 1913 – 15, in denen die Stadt Schlettau Anschluß an die Ueberlandzentrale der Zwickauer Elektrizitätswerks- und Straßenbahn-Aktiengesellschaft erhielt.

Aus der Betriebszeit der Schlettauer Gasanstalt sind noch die folgenden Vorkommnisse wert, im Bericht festgehalten zu werden:

Im Jahre 1906 suchte die Gemeinde Walthersdorf um Anschluß an die Gasleitung nach. Die Prüfung des Anschlußwertes ergab aber wegen der hohen Kosten des Ortsleitungsnetzes für Walthersdorf die Unmöglichkeit der Erfüllung dieses Wunsches.

Bei der Errichtung des Gaswerkes 1901 wurden in der Bevölkerung Stimmen laut, die eine Erhöhung der Explosionsgefahr in den Haushalten befürchteten. Dem Gaswerk ist indes nur eine einzige Explosion bekannt geworden, und zwar diejenige im Hause von Emil Hänel, Moltkestraße, am 12.9.1907. Dort hatte sich ein bei Abnahme des Beleuchtungskörpers eingedrehter Endstöpsel auf unaufgeklärte Weise gelöst. Das ausströmende Gas war durch die Flurlampe zur Entzündung gebracht worden und die Explosionsgewalt hatte etlichen Schaden im Gebäude verursacht, der jedoch nicht so erheblich war wie der Schreck, der die Bewohner des Hauses befallen hatte.

Am 15.6.1908 trat Gasmeister Schlegel sein Amt als technischer Leiter des Werkes an, der es bis zur Stillegung betraute und als Außenmeister vom Ferngaswerk Annaberg mit übernommen wurde.

Um den Minderbemittelten den Bezug von Gas zu erleichtern, schritt man im Jahre 1910 zur Einführung von Gasautomaten. Automatengas wurde mit 25 Pfg. je cbm abgegeben. Die Einrichtung erfreute sich steigender Beachtung.

Die Straßenbeleuchtung erfuhr wiederholt Veränderungen und Erweiterungen der Laternenstandplätze. An Klagen darüber, daß einzelne Laternen nicht brannten, weil der kalendermäßige Mondschein wegen Bewölkung nicht zur Geltung kam, mangelte es nicht. Hierin konnte auch nicht Abhilfe geschaffen werden, nachdem im Jahre 1914 die Fernzündung durch Druckwellen eingeführt worden war. Im Gegenteil, jetzt beschwerte man sich wegen der mit den Druckwellen nicht zu vermeidenden vorübergehenden geringen Leuchtkraft. Wieviel duldsamer ist man doch geworden, seitdem man elektrisches Licht brennt?

Der Gaspreis und auch der Kokspreis haben infolge der in der Kriegs- und Inflationszeit eintretenden Erhöhung der Gestehungskosten für Gaskohlen Aenderungen erfahren müssen. War man mit Beginn des Jahres 1914 auf einen Einheitsgaspreis von 18 Pfg. für den cbm für Leucht- und Kochgas zugekommen, so mußte er 1917 bereits auf 22 Pfg. und am 1.1.1918 auf 30 Pfg. je cbm erhöht werden. Am 1.1.1919 stieg der Gaspreis auf 45 Pfg. und am 1.4.1919 auf 55 Pfg. für den cbm. Vom 1.7.1919 ab wurde ein sogenannter Staffeltarif eingerichtet.

Nach ihm zahlten Einwohner mit einem Jahreseinkommen bis 1600 Mk. 55 Pfg., von 1601 – 6800 Mk. 65 Pfg., über 6800 Mk. 75 Pfg. je cbm. Vom 1.1.1920 ab zahlten Einwohner mit einem Jahreseinkommen bis 1600 Mk. 80 Pfg., von 1601 – 6800 Mk. 90 Pfg., über 6800 Mk. 1.- Mk. je cbm. Vom 1.3.1920 ab = 1,30 Mk., 1,40 Mk. und 1,50 Mk. je cbm, und vom 1.12.1921 wieder einheitlich 3.- Mk. je cbm. Der Kokspreis kletterte in derselben Zeit von 1,50 Mk. auf 3, 4, 5, 6, 8, 9, 15 und schließlich auf 30 Mk. je Zentner, außerdem wurde Koks nur noch an hiesige Einwohner abgegeben. Der Teer unterlag seit 1915 der Zwangsbewirtschaftung durchs Reich. 1919 setzten für den Gasbezug Sperrstunden ein.

Trotz großer Sparsamkeit bei der Betriebsführung hat das Schlettauer Gaswerk immer mit Verlust gearbeitet. Obgleich viele Jahre hindurch gewisse Bruttogewinne erzielt werden konnten, reichte dies jedoch – ein einziges Geschäftsjahr ausgenommen – nicht aus, um die nach kaufmännischen Grundsätzen vorzunehmende Abschreibung einer Rücklage (Werkerhaltungskonto) zuzuführen. Bis zum Jahre 1920 hatte die Rücklage abzüglich der Ausgabe für Neuanschaffungen 22.214,05 Mk. betragen müssen, sie hat aber nur eine Höhe von 14.101,07 erreicht. Dazu kam im letzten Betriebsjahr ein Verlust von 24.674.- Mk., der als schwebende Schuld von der Stadtkasse übernommen und gedeckt worden ist. Diese Fehlbeträge sind entstanden, weil sich die Stadtväter nicht rechtzeitig zu Gaspreiserhöhungen entschließen konnten. 21 Jahre ist das Schlettauer Gaswerk in Betrieb gewesen; davon entfallen über 10 Jahre in die schwere Zeit des Krieges und der Inflation und 9 Jahre in die Zeit der Konkurrenz mit der Elektrizität. Unter Berücksichtigung dieser Tatsachen wird man sich mit dem Erfolg des Werkes immerhin zufrieden geben können. Es wird aber auch an der Hand des Ausgeführten jedem Leser die Ueberzeugung beigekommen sein, daß es klug gewesen ist, rechtzeitig die Gasversorgung der Stadt Schlettau in andere Bahnen zu lenken.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 7 v. 19. März 1927, S. 4 – 6.