Allerlei vom Weihnachtsbaum

Von Lehrer H. Dietrich.

Weihnachten, das deutscheste der Feste, hat wieder die Herzen aller in seinen trauten Zauberbann gezogen! Mit dem Dufte der Weihrauchskerzen, mit dem warmen Schimmer des Adventssternes, mit den vielerlei beseligenden Heimlichkeiten, dem Schnitzen und Bauen hat wieder Poesie Einzug gehalten in jedem Heim, sei es auch noch so bescheiden. Wo immer in der Welt Deutsche das Christfest begehen, da atmet es den gleichen wohligen Hauch von Liebe und Freude und deutscher Gemütstiefe. Und Lichterglanz und Weihnachtsbaum krönen den Reiz des Festes überall! — Schon wochenlang rollen sie auf eisernem Strange den Städten zu, die grünen Lasten harzduftender Kinder deutscher Waldgebirge, mitten in den Lärm und die Hast der Großstadt zaubern sie den Wald, zur Freude der Jugend, die dieses Reizes sonst ach so selten teilhaftig wird! — Auch bei uns wird so mancher der immergrünen Gesellen seinen sturmumbrausten Standort verlassen müssen, um daheim im gemütlichen Stübchen in Glanz und Herrlichkeit zu erstrahlen, — wenigstens dort, wo nicht die Pyramide seine Stelle vertritt.

Weitaus die größte Zahl der in den Handel kommenden Christbäume stammen ohne Zweifel aus dem Geschlechte der Fichte, ihrer rotbraunen Rinde wegen wohl auch Rottanne genannt. Dieser Nadelbaum, der gleich schmuck ausschaut im zarten Maigrün des Jungholzes wie auch im prächtigen Karmin der Blütenzäpfchen und im satten Braun der Fruchtzapfen des reifen Baumes, kann sich rühmen, mit der Zahl seiner Artgenossen in Deutschland an der Spitze aller Nutzhölzer zu stehen! — In meiner Heimat galt als besondere Rarität auf dem Christmarkte eine Fichte, die noch mit ihren natürlichen Zapfen geschmückt war. Das war immerhin eine Seltenheit, zumal ja die Fichten meist nur alle 3 Jahre einmal Früchte erzeugen. Infolge der flachen, tellerförmigen Ausbreitung ihrer Wurzeln ist die Fichte auch bei uns im Gebirge der weitestverbreitete Waldbaum. — Tiefer in den Geldbeutel greifen muß der, welcher eine Tanne zum Weihnachtsbaum erkoren hat. Mit ihren breiten Nadeln mit den zwei hellen Wachsstreifen auf der Unterseite wirkt sie freilich auch noch stattlicher als die Fichte. Würden ihre Zapfen nicht bei der Reise sogleich in einzelne Schuppen zerfallen, sie wären ein prächtiger Schmuck des Weihnachtsbaumes, denn sie stehen im Gegensatz zu denen der Fichte aufrecht wie eine Kerze. Die Tanne verlangt tiefgründigeren Boden, in den sie ihre Pfahlwurzel hineinsenken kann. Die meisten der in den Handel kommenden Tannen sind die Wipfel von Waldriesen des Schwarzwaldes und Harzes, herabgeholt auf schwieriger Kletterpartie mit Steigeisen an den glatten, weißrindigen Stämmen!

Mancher wird sich vielleicht schon einmal die Frage vorgelegt haben, wie gerade die schlichten Nadelbäume zur Weihnachtszeit den Weg gefunden haben zu den deutschen Stuben und deutschen Herzen. Übermäßig alt scheint die schöne Sitte des Lichterbaumes noch nicht zu sein. Wenigstens fehlen uns die Urkunden aus früher Zeit darüber. Die älteste Kunde von einem mit Papierrosen und allerlei Süßigkeiten, jedoch noch nicht mit Lichtern geschmückten Weihnachtsbaumes stammt von Straßburg um das Jahr 1600. Weitere Verbreitung und besonders Lichterschmuck scheint unserem Baume aber erst Ende des 18. und vor allem im 19. Jahrhundert beschieden gewesen zu sein. Über Sinn und Bedeutung der Christbaumsitte kann man verschiedene Meinungen hören. Zahlreiche Forscher sehen im Christbaum einen Überrest aus der germanischen Urzeit Tagen. Sie weisen darauf hin, wie sich gerade in den deutschen Weihnachtssitten und -bräuchen so manches Altgermanische mit Christlichem verwoben hat zu einem untrennbaren Ganzen. (Es würde zu weit führen, hier auf diese interessanten Zusammenhänge einzugehen.) Man bringt unseren Nadelbaum in Vergleich mit dem alten „Maibaum“, der überall zur Pfingstzeit feierlich eingeholt und mit allerlei Schmuckwerk begabt wurde als Symbol des neu ergrünenden Lebens und sieht in beiden, Birke wie Nadelbaum, ein Stück des alten Naturdienstes oder Naturkultus, wobei dann das Behängen gewissermaßen einem Opfer gleichkommt. — Spinnt man diese Gedanken weiter, so stößt man in diesem Zusammenhang auch auf das merkwürdige Gebäck des Baumkuchens, der ja tatsächlich die Nachbildung eines Baumes darstellt und meist auch mit einem kleinen Nadelbäumchen geziert wird. Interessant ist eine Predigt des Straßburger Dompredigers Geiler von Kaisersberg aus dem Jahre 1508, in welcher der Genannte gar böse über die heidnische Unsitte wettert, zu Weihnachten die Stuben mit Tannenreisern auszulegen! Im Jahre 1654 bezeichnete ein anderer, Conrad Dannhauer, sogar den Weihnachtsbaum als ein gottloses Kinderspiel. Unser trauter Freund scheint also immerhin damals in ziemlich anrüchigem Rufe gestanden zu haben! — Sei dem nun, wie es wolle. Soviel steht fest, wenn man sich einmal in die deutsche Seele hineindenkt: Kaum ein anderes Volk war wohl je so mit der Natur seiner Heimat verwachsen und hat so in ihrem Banne gestanden wie unsere germanischen Vorfahren. Dichte Wälder bedeckten damals den deutschen Boden. Geheimnisvoll murmelte das Wasser dahin im Waldesdunkel. Wild heulte der Sturm durch die Wipfel, daß sie ächzten und stöhnten. Manchen Urwaldriesen fällte der Wetterstrahl. Gigantische Schatten warf der bleiche Mond auf den frostharten Boden der Winternacht, die in ihrer unerbittlichen todbringenden Länge die Sehnsucht nach Wärme und Sonne stärker erweckte. All diese Naturerscheinungen machten einen tiefen Eindruck auf den schlichten Germanen, erweckten in seinem primitiven Bewußtsein die Vorstellung von überirdischen Wesen, die alle jene machtvollen Naturgeschehnisse beseelten. — Längst sind sie entwichen, jene altheidnischen Vorstellungen, sie gehören nur mehr der Sage an — doch der edelste Zug aus jenen Zeiten des Naturbannes, der Naturverehrung ist dem deutschen Gemüt erhalten geblieben; Es ist die Liebe zur Natur, die Liebe vor allem zum deutschen Walde, wie sie ihren Ausdruck findet in zahllosen Liedern, die in jedem deutschen Herzen klingen. Ist es von diesem Gesichtspunkte aus nicht ganz selbstverständlich, daß man auch beim schönsten der christlichen Feste die Natur, den Wald nicht missen wollte, und daß man da gerade den Nadelbaum wählte, den einzigen, der dem Tode trotzte und mit seinem immer sich gleich bleibenden Kleide so trefflich die Beständigkeit und die Hoffnung auf neuen Frühling versinnbildlicht und dessen Kerzen die Weihnachtsfreude in das verdüstertste Herz hineinstrahlen sollen!

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 4 v. 22. Dezember 1926, S. 1 – 2.