Böhmische Exulanten in Schlettau

Von Lehrerin Susanne Franke in Schlettau.

„Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein,
Weh dem, der keine Heimat!“

Weh dem, der von Haus und Hof vertrieben, in der Fremde um ein Obdach betteln muß! Wir, die wir uns in gesicherter Heimstätte behaglich am knisternden Herdfeuer wärmen, vermögen wohl kaum die trostlose Lage jener Armen ganz zu ermessen, denen rohe Unduldsamkeit die Heimat verbot. Doch sollten wir nicht vergessen, daß die Geschichte des öfteren von solchen Schreckenszeiten berichtet. Besonders schwer mögen die Jahre der Gegenreformation im böhmischen Lande auf jenen Ungezählten gelastet haben, die um ihres Glaubens willen zum Wanderstab greifen mußten.

Als Kaiser Rudolf II. 1608 den Majestätsbrief unterzeichnete, der in feierlicher Form der Gesetzgebung den streitenden Protestanten und Katholiken Religionsfreiheit zusicherte und die Mahnung kundtat: „Niemand sollte der Religion wegen den andern bedrücken, sondern alle sollen als treue Freunde für einen Mann beieinander stehen“, hätte niemand geahnt, daß sich bereits der Todeszug des 30jährigen Krieges vorbereitet. Der Jubel, der sich über diesen Freibrief natürlicher weise erhob, wurde bald gedämpft. Ein kleiner Anlaß brachte neuen Streit zwischen Katholiken und Protestanten zum Ausbruch. Der Abt von Braunau hatte eine im Bau begriffene evangelische Kirche schließen, der Erzbischof von Prag eine zu Klostergrab bereits erbaute dem Erdboden gleich machen lassen. Die Protestanten sahen darin eine Verletzung des Majestätsbriefes und erhoben Klage.

Zu noch übleren Ausschreitungen kam es, als gegen Wunsch und Willen der evangelischen Stände nach dem Tode des Kaisers Matthias Ferdinand II. zum König von Böhmen gekrönt wurde. Ferdinand, ein erzkatholischer Mann, der den Grundsatz vertrat: „Besser eine Wüste, als ein Land voller Ketzer“, war der Meinung, daß ihm zugleich mit seinem Herrscherrecht die Pflicht auferlegt war, für die Seligkeit seiner Untertanen in seinem Sinne zu sorgen. Die protestantischen Böhmen weigerten sich, ihn als König anzuerkennen und suchten gegen ihn den 23jährigen Friedrich V. von der Pfalz auszuspielen, der ebenso kindlich und hoffärtig als politisch unfähig und verzagt war. Es kam zu jener bekannten Schlacht am weißen Berg, die in weniger als einer Stunde zur Niederlage Friedrichs führte und in ihrer Kürze doch ungeheuer folgenschwer wurde.

Ferdinand, — von dem Schiller in seiner Geschichte des 30jährigen Krieges sagt: „Nie lag eine so große Entscheidung in eines Menschen Hand; nie stiftete eines Menschen Verblendung so viel Verderben“, — bemächtigte sich nun Böhmens mit seinem ganzen unerbittlich zähen Religionshaß. Er scheute nicht zurück, auf dem Altstädter Ringplatz Prags 27 Opfer unter dem Beil des Henkers bluten zu lassen. Rachedurstig zerschnitt er den Majestätsbrief. Die evangelischen Kirchen ließ er schließen oder in sinnloser Weise schänden und zerstören. Über 1000 Pfarrer erhielten damals den Ausweisungsbefehl und mußten zum Wanderstab greifen. Alle Religionsduldung gegen Protestanten wurde aufgehoben.

So standen ihnen Glaube und Heimat zu harter Wahl. Und doch war es keine kleine Zahl an Adligen, Bürgern, Bauern und Erbuntertänigen, die die Ungewißheit und das Elend der Verbannung dem Glaubeswechsel vorzogen. In drei großen Zugrichtungen: Nach NO., nach N. und O. bewegte sich die Schar der Exulanten, deren Andrang so aufsehenerregend war wie 100 Jahre später der der Salzburger in Norddeutschland. Wurden doch an 1½ hundert Orte von den Glaubensbrüdern heimgesucht, in denen teilweise ganze „böhmische Gassen“ entstanden.

So flüchteten sie auch in unser Erzgebirge. Annaberg wurde von Vielen aufgesucht, winkte es doch umso mehr, als auf Annabergs bewährte Schulen Eltern wohl aus 20 Städten ihre Söhne zu schicken pflegten.

Und auch Schlettau kann sich rühmen, einigen jener armen Vertriebenen zur zweiten Heimat geworden zu sein. Damit erfährt unsere rein menschliche Teilnahme am Schicksal dieser Obdachlosen noch ein besonderes Interesse.

Von denen, die in Schlettau Zuflucht suchten, nennt uns die Geschichte zunächst: Hanß Wilhelm Bohusch von Ottoschitz. Er zog von Annaberg nach Schlettau. 1636 ließ er seine bürgerliche Hausehre, Frau Elis. Geb. Steinbachin von Stambach in der Kirche zu Schlettau beisetzen. Als ihm 1647 eine Tochter von 17 Jahren in Annaberg starb, ließ er sie gleichfalls da begraben. Er selbst wurde hier beerdigt. Als sein Sohn Christoph Ernst Bohusch von Ottoschitz als Student und kurfürstlicher Stipendiat im Alter von 23 Jahren zu Wittenberg 1676 starb, wurde ihm in Schlettau eine Leichenprozession gehalten. (Siehe: „Kurzgefaßte Religionsgeschichte der Stadt St. Annaberg“ Schulprogramm der Annaberger Lateinschule vom Jahre 1755 von Adam Daniel Richter.)

Ferner ließen sich folgende in Schlettau wohnende Exulanten ausfindig machen: Erasmus Stambach, starb in Annaberg 1658 im Alter von 92 Jahren und wurde in der Schletta begraben. Verschiedene böhmische Adelsfamilien legten, um sich besser durchschlagen zu können, ihr Adelsprädikat ab. Das machten z. B. verschiedene Glieder des edlen Hauses von Hassenstein, und auch die von Steinbachs und Stambachs (Stampachs) verzichteten, ihrer Güter vollständig beraubt, auf die Weiterführung ihres adligen Namens. So dürfen wir annehmen, daß der hier in Schlettau begrabene Erasmus Stambach auch ein Glied des alten böhmischen Adelsgeschlechtes von Steinbach und Stambach gewesen ist. Wolf Bernhard v. Fitzthumb, starb 1629. Bürgermeister Nikol Kleinhempel von der Preßnitz, „ein getreuer Exulant“, starb 1630. Heinrich v. Elterlein, starb 1636. Hans Wilhelm „Böhmischer Nobilis“, Tochter starb 1636. 1647 starb die 17jährige Tochter des böhmischen Exulanten Hans Wilhelm Aehnschor und wurde in der Kirche begraben.

Es ist anzunehmen, daß Schlettau durch Aufnahme jener böhmischen Exulanten in mancherlei Hinsicht — ob auf wirtschaftlichen, geistigem oder geistlichem Gebiete, soll nicht näher untersucht werden — eine Bereicherung erfahren haben mag, wie denn überhaupt für ganz Sachsen aus der Einwanderung der böhmischen Lutheraner, die als „tapfere, tätige in aller Not frohmutige“ Menschen geschildert werden, ein unschätzbarer Gewinn erwuchs.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 4 v. 22. Dezember 1926, S. 6 – 8.