Das Schlettauer Schloß (2)

Eine geschichtliche Studie von Schuldirektor Paul Thomas.

1. Fortsetzung.

Wir wollen heute untersuchen, welche Antriebe vorgelegen haben mögen, daß slavische Volksstämme ins Erzgebirge vorgedrungen sind. Es sei gleich von vornherein angedeutet, daß es sowohl politische, als auch religiöse und nicht zuletzt wirtschaftliche Interessen gewesen sein können, die eine slavische Besiedelung des Gebirges anbahnten.

In vorchristlicher Zeit gehörte das Erzgebirge in den Machtbereich der Kelten, die ganz Mitteleuropa von der Elbe bis zu den Pyrenäen besetzt hatten. Es ist aber in der keltischen Periode vermutlich eine Besiedelung des höchsten Gebirges nicht erfolgt, denn man hat bisher keinerlei Funde aus der keltischen Zeit machen können, und auch in den Fluß-, Flur- und Ortsnamen hat man nirgends einen Anhalt entdecken können, der eine keltische Besiedelung als einwandfrei bestätigen könnte. Dagegen sind im sächsischen Tieflande keltische Sprachreste noch deutlich zu erkennen, und auch in Nordböhmen weisen verschiedene Flur- und Ortsnamen auf keltischen Ursprung hin. (Vergl. hierzu die Abhandlung von Prof. Bolis in der Erzgebirgszeitung Nordwestböhmens: „Keltensitze im Bielagau“.) Jedenfalls sind diese alten Völkerschaften, die ihre Eroberungszüge ohne beachtliche kolonisatorische Absichten ausgeführt haben, von der unwirtlichen Natur des Erzgebirges abgehalten worden, sich hier Wohnsitze zu suchen. Das Erzgebirge bildete einen Teil des großen Grenzwalles, der die Kelten im Süden von den germanischen Volksstämmen im Norden trennte. Cäsar nennt diesen Grenzwall Sylva Hercynia und schätzt seine Ausdehnung auf 9 Tagereisen Breite und unermeßliche Länge. Es ist aber wohl nicht richtig, wenn man sagt, daß das Gebirge ehemals von undurchdringlichem Urwald bedeckt gewesen sei. Kaufmann behauptet in seinem Buche: „Germanische Altertümer“, daß der Urwald niemals unsere Landschaft beherrscht habe.

Am Ende des ersten Jahrtausends vor Christi Geburt mußten die Kelten vor den von Norden vordringenden germanischen Volksstämmen weichen. In der Gegend zwischen Elbe und Saale bis hin zu den Quellflüssen der Weser siedelten sich nun die Hermunduren an, die schon etwas mehr Seßhaftigkeit besaßen und ihre Aufgabe in der kulturellen Erschließung des Bodens erblickten. Deutsche Volksstämme sind es also gewesen, die zuerst in Sachsen kolonisatorisch tätig gewesen sind und denen, wenn auch in ganz beschränktem Maße, das Erzgebirge seinen ersten kulturellen Anstrich verdankt.

Die Hermunduren ernährten sich in der Hauptsache durch Viehzucht und Fischfang. Gegenden mit ausgedehnten Weideplätzen für das Vieh erschienen ihnen daher am geeignetsten zur Niederlassung. Das Erzgebirge war von jeher nicht besonders reich an solchen Grasplätzen, deshalb war auch damals die Besiedelung nur eine sehr beschränkte. Die Hermunduren ließen sich gern am Waldsaume nieder, die eigentliche Waldzone mieden sie; das Holz aus den Waldungen konnten sie aber in ihrem Wirtschaftsbetrieb nicht entbehren.

Dieser Zustand dauerte für unsere Gegend bis zum Einbruch der Völkerwanderung an. Im Verlauf der großen Völkerbewegung brachen — über Rußland und Polen kommend — slavische Volksstämme in Sachsen ein und verdrängten die hier sitzenden germanischen Altsassen. Die nach Sachsen verschlagenen Sorben brachten etwas mehr Schollentreue mit. Sie waren aus dem Stadium des Nomadisierens bereits hinaus und trieben neben Viehzucht auch regelrechten Ackerbau, der sie zwang, sich fester an den Boden zu binden. Die Sorben (auch Wenden genannt) waren auch schon zur Bienenwirtschaft übergegangen, und aus diesen Gründen bevorzugten sie zur Niederlassung Gegenden, wo ihnen der Boden eine günstige Ernte, die Wiesen ein gesundes und ausreichendes Futter für ihre Herden und die Blüten der Bäume und Gräser reichliche Nahrung für ihre Bienen versprachen. Der Hauptstrom der slavischen Invasion ergoß sich demgemäß über die weiten Flächen des sächsischen Tieflandes, während die wald- und sumpfreichen Striche des Erzgebirges auch jetzt noch unbesiedelt blieben. So behauptet Deichmüller mit Recht: „Bis auf den heutigen Tag ist meines Wissens nicht das Geringste im Schoße der Erde gefunden worden, was darauf hindeuten könnte, daß vordem schon Slaven oder Germanen im Gebirge gewohnt hätten.“

Zu gleicher Zeit, als die Sorben in Sachsen einbrachen, überschwemmten die stammverwandten Tschechen die Gebiete südlich des Erzgebirges. Sie vertrieben dort ebenfalls die ansässigen germanischen Volksreste und richteten sich im Böhmischen Becken genau so wirtschaftlich ein wie die Sorben nördlich des Gebirges. Bei dem stark ausgeprägten Rassenbewußtsein der slavischen Volksstämme liegt es sehr nahe, anzunehmen, daß sich frühzeitig zwischen den stammverwandten Völkern nördlich und südlich des Gebirgswalles allerlei Beziehungen anknüpften. Wir können uns sehr wohl vorstellen, wie in jenen Zeiten tschechische Posten von Süden über das Erzgebirge steigend mit den nördlich wohnenden Sorben Fühlung gesucht haben, wir begreifen es weiter ohne weiteres, daß auch sorbische Sendlinge nach Böhmen geschickt wurden, um die stammverwandten Nachbarvölker zu gegenseitigem Nutz und Vorteil enger zu verbinden. So entstanden vermutlich schon im 7., 8. und 9. Jahrhundert alte Slavensteige über das Gebirge, auf denen der sorbisch-tschechische Verkehr hin und her pendelte. Einen solchen alten Steig beschreibt z. B. Ibrahim ibn Jakub, ein Handelsjude aus Nordafrika, der im Jahre 965 nach Sachsen kam und einen solchen uralten Slavensteig zum Fortkommen benutzte.

Man wird nun nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß ein solcher alter Slavensteig aus der dichtbevölkerten Döbeln-Lommatzscher-Pflege nach Süden vorstieß. Einen direkten Weg in dieser Richtung wies aber die Zschopau, die ja heute noch auf der Landkarte als beinahe schnurgerade Verbindungslinie zwischen Nordsachsen und Böhmen erscheint. Es wird sich demnach ein wesentlicher Teil des sorbisch-tschechischen Austausches durch Vermittelung jenes alten Zschopausteiges ausgetragen haben.

Es waren, wie ich schon oben sagte, in erster Linie politische Interessen, die Sorben und Tschechen zusammenführen mußten. Die slavischen Eindringlinge mußten unausgesetzt damit rechnen, daß die wiedererstarkten germanischen Volksstämme die geraubten Ländereien zu gelegener Zeit wieder holen wollten. Es galt also, einem zu erwartenden germanischen Vorstoß mit vereinten Kräften entgegenzutreten. Daher schlossen die stammverwandten Völker nördlich und südlich des Gebirges auch noch Waffenbrüderschaft und ließen es sich angelegen sein, die primitiven alten Steige nach und nach zu gangbaren Wegen auszubauen, um im Falle eines germanischen Angriffs auf der einen oder anderen Seite möglichst schnell den Zuschuß von kampffähigen Mannschaften bewerkstelligen zu können.

Wenn wir eben sagten, daß ein solcher alter Slavensteig im Tale der Zschopau sich entlangzog, so kommen wir zu der Mutmaßung, daß schon in dieser frühesten Zeit unser Heimattal zum Schauplatz dieses sorbisch-tschechischen Pendelverkehrs gehörte. Dafür dürften nun doch die slavischen Orts- und Flurnamen ein untrüglicher Beweis sein. Der Name Zschopau selbst ist zweifellos slavischen Ursprungs. Wir sind uns auch im vorigen Artikel einig geworden, den Namen Schlettau als slavischen Ortsnamen anzusprechen.

Hier in unserer Gegend erreichte nun der Slavenweg einen strategisch sehr wichtigen Punkt. Die von Norden vortastenden sorbischen Pfadfinder hatten gefunden, daß sie hier das Flußtal verlassen mußten, wenn sie einen gangbaren Weg über das Gebirge finden wollten. Sie entdeckten in der Gegend von Preßnitz einen wegbaren Uebergang nach Böhmen und bauten demzufolge ihren Weg von Schlettau in dieser Richtung weiter aus. Wir finden es gewiß leicht verständlich, wenn die Sorben zu dem Entschluß kamen, einen solchen wichtigen Wegpunkt für alle Fälle zu sichern. So entstand aller Wahrscheinlichkeit nach an der Stelle, wo der Slavensteig das Zschopautal verließ, um über die Höhe dem Preßnitzer Paß zuzustreben, ein kleines, aber vorläufig ausreichendes Wegkastell, der Anfang unseres Schlettauer Schlosses.

Daß es anfangs nicht land- u. viehwirtschaftliche Belange gewesen sind, die jene Völkerschaften ins Gebirge lockten, liegt auf der Hand. Der steinichte, wurzeldurchwachsene Boden im Gebirge widerstand ihren unvollkommenen Ackergeräten. Mit ihrem Hakenpflug konnten sie dem Gebirgsboden nicht beikommen. Aber auch für die Viehwirtschaft war zunächst noch kein ausreichendes Gebiet vorhanden. Die Wiesenflächen im Gebirge sind zumeist erst durch umfangreiche Waldrodungen entstanden.

Der vorhin erwähnte Preßnitz Paß ist einer der bequemsten Uebergänge über das Gebirge. Er ist zwar nicht der tiefste Einschnitt in den Gebirgskamm — er liegt in 815 Meter Höhe (Reitzenhainer Paß 810 Meter, Niclasberger Paß 811 Meter, Nollendorfer Paß 708 Meter) aber die Zugänge sind sowohl von Norden als auch von Süden ohne erhebliche Wegschwierigkeiten zu nehmen.

Man nimmt an, daß die Tschechen von Süden vordringend, den Preßnitzer Paß entdeckt haben und daß sie in nördlicher Richtung weiter tastend bei unserm Schlettau den Eingang ins Zschopautal gefunden haben. Die Zschopau hat ihnen dann den Weg zu den stammverwandten Sorben gewiesen. Die an diesem Slavensteig auftretenden slavischen Orts- und Flurnamen erscheinen darum als tschechische Importen.

Wir wollen also festhalten, daß die ersten Pfadfinder bei ihrem Vordringen die Flußtäler benutzten. Hier wuchsen die allerersten Steige aus der Landschaft heraus, die zunächst nur für den Fußverkehr, dann aber auch für Saumtiere gangbar waren. Die späteren, besser ausgebauten Straßen mieden die Flußtäler, was wir im ersten Jahrgang Heft 2 und 3 ausführlicher schon dargelegt haben.

Die Notwendigkeit, den so gewonnenen Verbindungsweg zu sichern, führte zur Anlegung verschiedener Wegfesten an der Zschopau. Für eine solche Feste erschien aber das Mündungsdreieck Zschopau – Rote Pfütze der geeignetste Bauplatz zu sein. Beide Bäche bildeten eine natürliche Wehranlage, die durch einige Schutzbauten dann leicht vervollständigt werden konnte.

Um diese slavische Wegfeste herum entstand bald auch eine Siedelung. Schafarik, einer der besten Kenner der slavischen Kulturgeschichte, weist darauf hin, daß schon im 9. Jahrhundert die Slaven nicht nur in Dorfschaften, sondern auch in befestigten Städten und Schlössern gewohnt haben. Die vordringenden Deutschen mußten auch bei den ersten Zusammenstößen mit den slavischen Völkern die Erfahrung machen, daß sich diese sehr gut aufs Burgenbauen verstanden.

Das wären die „politischen Hintergründe“ für die Slavenzüge nach dem Gebirge. Wir fragen uns weiter, ob nicht auch andere Belange die Slaven zum Ergreifen des Wanderstabes getrieben haben können? Ich sage, es lagen auch wirtschaftliche Notwendigkeiten vor. Das slavische Siedlungsgebiet nördlich der Freiberger Mulde, die Döbeln-Lommatzscher Pflege, vertrug mit der Zeit den überaus starken Bevölkerungszuwachs nicht mehr. Es mußte ein Teil abgeschoben werden, damit ein wirtschaftliches Durchhalten für die Zurückbleibenden möglich wurde. Die zur Abwanderung bestimmten Sorbenfamilien schlugen den Weg nach Süden ein, konnten jedoch die bereits vorhandenen Saumpfade in den Flußtälern nicht überall benutzen, weil sie ja mit Sack und Pack, mit Wagen und Ackergeräten, kurzum mit ihrer gesamten Habe auf die Wanderschaft gingen. Diese slavischen Auswandererfamilien waren es sonach, die nach und nach die Talwege auf die Höhe verlegten und so zu Wegpionieren geworden sind, denen wir die erste Linienführung der alten Verkehrswege nach und über das Gebirge zu verdanken haben.

Not bricht Eisen. Not sucht Eisen. Wenn die im Gebirgslande sich ansiedelnden Sorben wirtschaftlich bestehen wollten, dann konnten sie sich nicht länger auf ihre alten hölzernen Hakenpflüge verlassen. Sie mußten notgedrungener Weise die hölzerne Pflugschar durch eiserne zu ersetzen suchen. Wir sehen gar bald die Siedler im Gebirge nach Eisenerzen graben. Sie verstanden die Bearbeitung der Eisenerze und hatten verschiedene aus Eisen hergestellte Werkzeuge. So will man u. a. bei Eibenstock die Reste eines alten sorbischen Eisenhammerwerkes gefunden haben.

Und schließlich sind es auch noch religiöse Beweggründe gewesen, die die Sorben im Niederlande zur Abwanderung nach dem Gebirge gedrängt haben. Als die Deutschen die sorbischen Siedelungen Nordsachsens überrannt hatten, suchten sie auch das Christentum in die Hütten der unterworfenen Heiden zu tragen. Die Bekehrungsversuche wurden hier und da mit rücksichtsloser Gewalt durchgeführt. Da sind viele Sorben, die von ihrem heidnischen Glauben nicht lassen wollten, der fanatischen Soldateska der deutschen Kaiser ausgewichen und haben in den abgelegenen Wäldern des Gebirges weiterhin ihren Göttern gedient. Wir lasen in der vorigen Nummer der Heimatblätter, daß die Sorben bei Klaffenbach eine heidnische Kultusstätte hatten, in der Arno von Würzburg bei einem Versuche, das Christentum zu predigen, mit den Seinen ermordet wurde.

Wir kommen zu dem Ergebnis, daß Schlettau, an einem der gangbarsten Verbindungswege zwischen Sorbenland im Norden des Erzgebirges und Tschechenland im Süden schon frühzeitig in den lebhaften Pendelverkehr einbezirkt war, der sich zwischen den beiden benachbarten stammverwandten Völkerschaften abspielte, und daß zweifellos die Anfänge unseres Ortes in jener Zeit zu suchen sind, wo sich die aus verschiedenen Ursachen bedingten Slavenzüge durch unsere Gegend bewegten. Den Zeitpunkt genau festlegen zu wollen, wann etwa der erste Spatenstich zu jener Wegfeste getan wurde, die den Anfang unseres Schlettauer Schlosses gebildet hat, ist natürlich ein müßiges Unternehmen. Daß dieser Zeitpunkt aber mehr als 1000 Jahre zurückliegt, dürfte von keinem ernsten Forscher mehr bestritten werden.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 2 v. 15. Oktober 1926, S. 4 – 7.