Der Kiebitz

Von Lehrer M. Dietrich.

Als ich vor nunmehr 5 Jahren, es war am 30. März 1921, von Annaberg kommend zum ersten Male die noch schneebedeckten Höhen bei Rubners Gütern erklettert hatte und nun mit meinem Gefährten auf der Generalstabskarte eifrig nach der „Muhme“ Umschau hielt, da war es eine wohlvertraute Vogelstimme, die mir den ersten Willkommensgruß darbrachte auf Schlettauer Boden! Ein Kiebitz war es – mir ein guter Bekannter von den Marchwiesen der Nordsee und von den sumpfigen Auenniederungen meiner Heimat – und groß war meine Freude, ihn auch hier zu treffen! Denn wo er nur quietschnasse Wiesen und Sümpfe findet, da wandert er auch weit ins Binnenland, und weil es ja an derlei Gelände bei uns hier herum nicht mangelt, so ist er eben auch um Schlettau geradezu Charaktervogel. Freund Kiebitz gehört mit zu den voreiligsten Frühlingskündern! Wenn der Februar zur Neige geht, dann tauchen am Südhimmel in der bekannten „Pflugscharform“ auch die Scharen der heimkehrenden Kiebitze auf, und Ende März sind auch die bei uns beheimateten wieder da. Haben doch manche der stelzbeinigen Gesellen schon Ende März oder doch Anfang April die Eier im Nest; denn sonst hätten die „Getreuen von Jever“ dem alten Bismarck zu seinem Geburtstage am 1. April nicht alljährlich eine Kiste frischer Kiebitzeier schicken können! Willst Du, lieber Leser, an einem schönen März- oder Apriltage hinauswandern zu einer unserer Kiebitzwiesen? Nur noch an schattigen Hängen behauptet die Schneedecke ein begrenztes Dasein. Ueberall rieselts von kleinen und kleinsten Wässerlein. Der Boden perlt und gluckst vom einsickernden Schmelzwasser. Frischer Erdgeruch von den auftauenden Ackerschollen weht uns entgegen. Die Weiden haben schon Kätzchen. Am blauen Himmel trillern die Lerchen. Dort drüben aber auf der Erle rätscht unermüdlich der Grünfink. – Stark liegt uns der Frühlingswind in den Ohren und erschwert uns mit seinem ruhelosen Brausen das gespannte Horchen! Doch jetzt übertönt ein Ruf den Wind, eine Vogelstimme, die in ihrer Eigenart so ganz und gar zu der Eintönigkeit der Moorlandschaft paßt: „knui iuiih“ – der Balzruf des liebestollen Kiebitzmännchen! Jetzt heißt´s aufpassen, denn allzuscharf sind die großen Kiebitzaugen! Erspähst Du den schmucken Rufer? Kein Zweifel, er ist der schönste und bunteste in seiner engeren stelzbeinigen Verwandtschaft! Gravitätisch hält er den Körper mit den kräftigen Beinen. Herrlich blaugrün schillert die Oberseite und steht in scharfem Gegensatz zu dem Weiß der Unterseite. Schwarz ist die Kehle und schwarz-weiß-rot der Schwanz. Der Federschopf verleiht dem Kerlchen etwas Keckes. Er muß ja seiner Angebeteten gefallen, die da vielleicht irgendwo im Grase vorläufig noch die Unnahbare spielt! Wer aber gar einmal das Glück hat, den Vogel bei der Balz beobachten zu können, der wird seine helle Freude haben an den zierlichen Verbeugungen und Kopfwendungen und dem gewandten Flugspielen! – Haben wir beim Näherkommen die Tiere erst hoch gemacht, so wird es uns bald um die Ohren sausen vom schwirrenden Gefuchtel der großen Schwingen! Blendend weiß schimmern dann die Bauchseiten. Erregt und hastig klingen die Schreckens- und Warnrufe: „kiewit – kiewit“, nach denen der Vogel seinen Namen erhielt. – Es ist kein Leichtes, das aus einer einfachen Bodenmulde bestehende Kiebitznest mit dem Gelege zu entdecken. Das Weibchen verläßt die Eier sofort bei unserer Annäherung, wenn wir es auch kaum bemerken würden, wenn es sitzen bliebe. Hat es doch eine gleich gute Schutzfärbung wie die vier olivgrünen, schwarzgesprenkelten, birnenförmigen Eier des Geleges! Die kugeligen Jungkiebitze im molligen Daunenkleid verlassen sofort nach dem Auskommen das Nest und huschen durch die hohen Grashalme hinter der führenden Mutter her, die ihnen allerlei Weichtiere sucht. Ist offenes Wasser in der Nähe, so kann man sogar die ganze Familie beim Schwimmen beobachten. Ist aber der Spätsommer herangekommen, so gleichen die Jungen in der Färbung des Gefieders fast völlig den Alten, höchstens das Federhäubchen ist noch nicht so stattlich. Jetzt kommt die Zeit, wo es die Kiebitze den Staren gleichtun, sich zu großen Scharen vereinigen und umherschwärmen. Wir haben dann besonders schön Gelegenheit, ihre Flugkünste zu bewundern, wie sie mit wuchtigem Fittichschlage dahinrudern in einem Taumelfluge, der eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Gegaukel der Schmetterlinge hat. Ist aber der Oktober ins Land gerückt, dann strebt die ganze Gesellschaft den wärmeren südlichen Breiten zu! – Durchstreift man im Frühling Kiebitzreviere, so findet man oft am Boden zerbrochene und ausgelaufene Kiebitzeier. Sie sind meist das Opfer räuberischer Krähen, die gar zu gern einmal solche Brutgebiete heimsuchen und den armen Vögeln trotz verzweifelter Gegenwehr das Gelege stehlen. Oft genug hat mich solch schwarzes Diebsgesindel mit seinem von jämmerlichen Kiebitzgeschrei untermischten Lärmen und Krächzen erst auf Kiebitzbrutstätten aufmerksam gemacht! – Wer aber mit die meiste Schuld daran trägt, daß bei uns die Zahl der interessanten Vögel recht zusammengeschmolzen ist – der Mensch dürfte es leider selbst sein! Noch immer werden Kiebitzeier als Delikatesse gut bezahlt! Mich hat immer ein tiefes Bedauern ergriffen, wenn ich in den Geschäftsauslagen im Wattepolster die grünen Eier liegen sah! Ist es nicht eine große Gewissenlosigkeit und Gedankenlosigkeit, so viel keimendes Leben zu zerstören, nur um das Augenblicksgelüste eines übersättigten Gaumens zu befriedigen? Gibt es nicht zahllose gleich gute oder besser schmeckende Leckerbissen, die mit weniger Grausamkeit erreichbar sind? Ist es im Uebrigen aber bei den Kiebitzeiern nicht wie bei so vielen anderen Delikatessen vor allem der armselige Reiz des „Außergewöhnlichen“, der zu ihrem Genusse lockt? –

Darum, lieber Leser, wenn Dich einmal ein Verlangen erfaßt nach den Eiern unseres beschopften Freundes – halte Dich schadlos an ihren trefflichen marzipanenen Nachbildungen in den Schokoladengeschäften zur Osterzeit – aber erniedrige Dich nicht durch Eierraub zum Naturschänder!

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 1. Jahrgang, Nr. 8 v. 15. April 1926, S. 5 - 6