Der vermeintliche unterirdische Gang zwischen dem Schlettauer Schloß und dem ehemaligen Kloster Grünhain

Von Schuldirektor Paul Thomas.

Man mag im deutschen Lande hinkommen, wohin man will, wo ein Schloß steht oder gestanden hat, dort spukt es auch im Gehirn der Leute von einem unterirdischen Gang, der das Schloß mit irgend einer Anlage in der näheren oder weiteren Umgebung verbunden haben soll. Liegt in der Nachbarschaft des Schlosses gar ein Kloster, dann ist das Vorhandensein eines solchen Ganges selbstverständlich, und selbst, wenn von dem vermeintlichen Gange heute nicht die geringsten Spuren mehr zu sehen sind, der Gang ist dagewesen, und da beißt die Maus keinen Faden ab. So erhalten sich die Erzählungen von den unterirdischen Gängen mit derselben Zähigkeit wie in anderen Gegenden die Sagen von den Lindwürmern und Drachen. Und doch wird jeder vorurteilslose Beobachter zugeben müssen, daß hinter allen diesen Sagen und Erzählungen ein Stückchen Tatsache, ein Fünkchen Wahrheit verborgen liegt. Das geschichtlich Gegebene hat der fabulierende Menschengeist ausgesponnen, mit allerlei ungereimten Zutaten verquickt, und so sind jene Märchen und Sagen entstanden, deren geschichtlichen Kern man oft aus der phantastischen Ueberwucherung nicht mehr herausschälen kann.

Das scheint mir auch der Fall zu sein bei dem schon so viel erörterten Gange, der unser Schlettauer Schloß mit dem Kloster Grünhain einstmals verbunden haben soll. Die Mehrzahl unserer Einwohnerschaft glaubt fest an das Vorhandensein einer solchen unterirdischen Verbindung unserer Burg mit der ehemaligen Cisterzienserabtei in Grünhain, und wer es wagen würde, auch nur den leisesten Zweifel diesen Erzählungen gegenüber zum Ausdruck zu bringen, der läuft Gefahr, kaltlächelnd abgetan zu werden als einer, der mit frivoler Hand die Romantik der heimatlichen Erde zerstört. Obgleich noch niemand den Gang gesehen, geschweige denn abgegangen ist, so wird es von den meisten einfach nicht verstanden, wenn eine Erzählung, die nun schon Jahrhunderte geht, mit einer Zweifelsnote versehen wird.

Das darf uns aber nicht hindern, der Sache einmal auf den Grund zu gehen. Ich tue das um so lieber, weil ich so oft schon gefragt worden bin, was ich von dem unterirdischen Gang halte. Versuchen wir es darum einmal, diesen vermeintlichen Gang zu erleuchten, um klar zu sehen, was für eine Bewandtnis es mit derlei Gängen gehabt hat!

Es ist zugegeben, daß bei sehr vielen Burgen heute noch einwandfreie Spuren von unterirdischen Gängen vorhanden sind. Diese Gänge wurden angelegt, um bei Kriegsnot den Burgbewohnern einen letzten Ausflucht zu sichern, wenn der Feind den Widerstand der Verteidigungswerke gebrochen hatte und Miene machte, in die Burg einzudringen. Diese Gänge verliefen dann weit ab von der Burganlage im Walde oder in schwer zugänglichen Geländeabschnitten, die den flüchtenden Burginsassen die Möglichkeit eröffneten, für ihre weitere Sicherung und Rettung bedacht zu sein. Unterirdische Gänge wurden aber auch von der Stadt und dem Dorfe nach dem Schloß gebaut, um bei Belagerung im Kriege die Aktenschätze des Rathauses oder des Gemeindeamtes nach der Burg im Notfalle in Sicherheit bringen zu können. Durch diesen Gang zog sich dann wohl auch das letzte Häuflein der Stadtverteidiger nach der Burg zurück, um dort einen äußersten Widerstand zu organisieren.

Nun ist man in Schlettau tatsächlich auch bei Straßen- und Schleusenbauten, bei verschiedenen Ausschachtungsarbeiten, beim Grundgraben von Häusern (so z. B. bei der Starke-Fabrik) auf Spuren von solchen unterirdischen Gängen gestoßen, die samt und sonders nach dem Schlosse zu verliefen. Auch im Quartier des Kirchplatzes wurde gelegentlich ein Gang angestochen. Ein dritter Gang soll in der Richtung nach dem Hofbusche zu finden sein. Diese Gänge waren zum Teil sehr gut ausgemauert, und die Wiederentdecker der Gänge hätten seinerzeit ziemlich weit in denselben vordringen können. Wir wollen dem Gedanken gar nicht weiter nachgehen, daß es sich hier auch um Bergwerksstolln handeln könnte, wir würden ja sonst der Romantik des Städtchens einen noch viel herzloseren Schlag versetzen; wir lassen diese Gänge als ehemalige Fluchtgänge gelten und kommen so zu der Annahme, daß von unserer Burg drei Gänge ausgingen bez. dort verliefen: ein Gang, der das Rathaus mit dem Schloß verband, ein zweiter, der vom Schloß nach dem Stadtwalde und ein dritter, der vom Schloß nach dem Hofbusch sich erstreckte. Wir wollen uns dabei wohl überlegen, daß die beiden zuletzt genannten Gänge, wenn sie wirklich vorhanden waren, eine ganz respektable Leistung für den frühmittelalterlichen Tiefbau darstellen. Die Entfernung vom Schloß nach dem Hofbusch beträgt ungefähr zwei, die Entfernung nach dem Stadtwalde etwa drei Kilometer. Wenn man in den alten Bergakten die jährlichen Befahrungsberichte liest, so sieht man, wie mühsam sich die Bergleute in früheren Zeiten mit den technisch unvollkommenen Hilfsmitteln in den Bergstolln vorarbeiteten. Sie brachten es oft in einem Jahre nur auf wenige Meter (Lachter). Die längsten Stolln in unserer Flur waren wohl der Fürst Michaelis-Stolln (Grundteichschänke) und der Sankt Michaelis-Stolln (Naumannwäldchen), aber beide sind, obgleich Jahrhunderte daran gearbeitet worden ist, nicht einen Kilometer lang. Und dabei wurden diese Gruben noch im 18. Jahrhundert befahren, wo doch das bergmännische Rüstzeug schon viel vollkommener war als in den Jahrhunderten, da die unterirdischen Fluchtgänge des Schlettauer Schlosses mutmaßlich in die Erde getrieben wurden.

Wie steht es nun mit dem Grünhainer Klostergange? Nach den bisherigen Ausführungen wird man unsern Standpunkt hierzu sofort erraten können. Ein solcher Gang ist erwiesenermaßen eine Unmöglichkeit, er kann nur in der Phantasie von Leuten bestehen, die niemals die Schwierigkeiten erwogen haben, die der Bau eines solchen alten Verbindungsganges mit sich gebracht haben müßte. Die Entfernung vom Schlettauer Schloß bis Kloster Grünhain beträgt über 10 Kilometer. Wie lange würden wohl bergmännisch gebildete Arbeiter an einem für die damalige Zeit ungewöhnlich weitgezogenen Gange gegraben haben, um eine unterirdische Verbindung zwischen Schloß Schlettau und Kloster Grünhain herzustellen? Ein solcher Durchstich wäre selbst für unsere Zeit noch ein ganz beachtliches Projekt, dessen Durchführung Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde. Es liegt einfach nicht im Bereich der Möglichkeit, von Arbeitshänden des 14. und 15. Jahrhunderts die Lösung einer solchen Aufgabe zu erwarten.

Schlettau wurde, wie wir in dem voranstehenden Artikel vom Schlettauer Schloß lesen, im Jahre 1413 zum Machtbereich des Klosters Grünhain geschlagen. Es blieb unter der Klosterherrschaft bis zur Auflösung der Abtei im Jahre 1536. Wenn also in dieser Periode unausgesetzt an dem unterirdischen Gange gearbeitet worden wäre, so hätten zur Ausführung des Riesenbaues immer nur rund 120 Jahre zur Verfügung gestanden. Nach meinem Dafürhalten ist die Bewältigung eines solchen Riesenprojektes in so knapp bemessener Zeit bei den unzulänglichen Hilfsmitteln gänzlich ausgeschlossen. Dazu kommt noch, daß gerade diese Periode der Schlettauer Geschichte die unruhigste und verworrenste genannt werden muß, in der unsere Einwohnerschaft andere Dinge zu erwägen hatte und nicht an die Verwirklichung von derlei phantastischen Plänen denken konnte. Man ließe sich die Sache schon eher gefallen, wenn die Zeit von 1413 bis 1536 eine lange Friedensperiode gewesen wäre, die zur Durchführung solcher gewaltiger Vorhaben unbedingt erforderlich ist, aber so haben wir in der Zeit von 1420 bis 1435 die Hussitenunruhen, dann kam der Bruderkrieg, die mehrmalige Verpfändung des Amtes und Schlosses Schlettau, die bewegten Jahre von 1453 bis 1457 (Handstreich des Nikolaus von Lobkowitz), zu Anfang des 16. Jahrhunderts dann die Vorboten der reformatorischen Bewegung, 1525 der berüchtigte Bauernaufstand, Schlettau kam ja aus der Unruhe gar nicht heraus, und so ist es einfach undenkbar, daß unsere Einwohnerschaft sich mit solchen großzügigen Unternehmungen hätte befassen können.

Der unterirdische Gang von Schloß Schlettau nach Kloster Grünhain bleibt sonach nichts anderes als ein Phantasiegebilde. Er besteht nur in der Einbildung der Leute, die ihrer Heimaterde gar zu gern den Anstrich des Abenteuerlichen geben möchten. Vor der strengen Geschichtsforschung zerstieben aber solche Hirngespinste, oder sie werden auf das Tatsächliche zurückgeführt, das in den meisten Fällen solchen sagenhaft ausgesponnenen Erzählungen und Berichten zu Grunde liegt.

Eine andere Lösung des Problems kann ich nicht finden. Wer in meine Beweisführung sich nicht hineinzusetzen vermag, der mag nach wie vor an das Vorhandensein des unterirdischen Ganges von Schlettau nach Grünhain glauben, ich würde mich aber selbst auch von Herzen freuen, wenn ich eines Besseren belehrt werden könnte; denn es liegt mir natürlich nichts ferner, als unserer Heimatscholle den Reiz mittelalterlicher Romantik zu nehmen.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 5 v. 15. Januar 1927, S. 4 – 6.