Die Heilpflanzen der Heimat

Von Lehrer H. Dietrich.

Von alters her haben Tier und Pflanze in der Volksmedizin eine äußerst wichtige Rolle gespielt. Die Furcht vor dem Tode, das Bestreben, schlimme Krankheiten zu heilen oder ihnen vorzubeugen, haben schon vor Jahrtausenden den Menschen veranlaßt, im Tier- und Pflanzenreich Hilfe zu suchen, mancherlei Heilkräfte ihnen abzugewinnen! Allenthalben erzählen uns Mythos und Sage von dem Streben und Sehnen der Menschheit nach irgend einer verborgen blühenden, geheimnisvollen Wunderblume, die da ewige Jugend und Schönheit oder gar Unsterblichkeit verleihen soll! Ueberall hören wir im Mittelalter von der Suche nach diesem und jenem Kräutlein, was da Zauberkräfte verleihen oder aber gegen des Teufels Ränke schützen sollte. Und manches alte Weiblein hat den Feuertod sterben müssen, nur weil es draußen im düsteren Forst nach heilsamen Kräutern suchte, um sich oder den Seinen zu helfen, und weil man es deshalb als des Zauberns und Hexens für überführt erachtete! — Wer einmal ein richtiges altes Kräuterbuch zur Hand nimmt, der wird überrascht sein über die Fülle der seltsamsten Heilgewächse und die tausenderlei nicht minder merkwürdigen Rezepte, die er darin findet! Vieles davon hat der stetig fortschreitenden Wissenschaft nicht stand halten können, vieles wird von uns heute belächelt. Doch aus dem Vielerlei hat sich immerhin eine kleine Schar von Heilpflanzen bis zu uns gerettet, deren Heilkraft nicht bezweifelt werden kann. Um viele dieser Heilkräuter hat dann die Volkspoesie ihre schlichten, immergrünen Ranken gesponnen — ein zartes Gewebe von Aberglauben und Legende! — Auch in unserem Erzgebirge hat man von jeher eifrig heilkräftige Kräuter gesammelt. Zwangen doch in früherer Zeit schon der Mangel an Aerzten und sanitären Einrichtungen, die Weltabgeschiedenheit und Unwegsamkeit unseren Gebirgler zur Selbsthilfe, wenn Krankheit seine Hütte heimsuchte. So lese ich in alten Heimatbüchern zahlreiche Kräuterrezepte, alte Hausmittel, die schon vor 300 Jahren hier gang und gäbe waren! Wer noch heute einmal einen alten Gebirgler nach derlei Dingen fragt, der wird sich wundern, über welchen Schatz von solchen wohlfeilen Hausmitteln man vor einem knappen Menschenalter bei uns verfügte! —

So laßt uns jetzt ein wenig in den Teetütchen und -Schächtelchen herumstöbern, wie wir sie heute noch in den meisten unserer Stuben antreffen!

Da ist beispielsweise der Huflattich. Wenn im zeitigsten Vorfrühling die Schneedecke noch in langen Streifen unsere Fluren bedeckt, da hebt dieser voreilige Geselle schon seine leuchtend gelben Blütenköpfchen der wärmenden Sonne entgegen! Diese goldigen Blütenköpfchen verraten gleich die Verwandtschaft unserer Pflanze mit dem Löwenzahn oder der „Maiblume“, wie man ja diesen bei uns nennt. Korbblütler nennt der Naturkundige solche Gewächse; denn die gelben Blütenköpfe, umgeben von einem grünen Kelch, sind nicht etwa einzelne Blüten, wie jeder denken wird, sondern in jedem solcher grünen Hüllkelche sind eine ganze große Zahl von Einzelblüten vereinigt! Jedes gelbe Blättchen ist eine Blüte für sich! Von Blättern ist beim Huflattich während der Blütezeit nicht viel zu entdecken. Nur der Stiel trägt kleine, rotbraune, blattartige Schuppen. Erst wenn der Wind bereits die kleinen Früchtchen bei ihrem Haarschopfe packt und von hinnen trägt, sind die Laubblätter erwachsen. Sie gleichen in ihrem Umriß einem Pferdehuf, und haben der Pflanze zu ihrem deutschen Namen verholfen. Die Rückseite der Blätter ist bekanntlich mit zahllosen winzigen Härchen wie mit einem weißen Filz überzogen. An diesem Filz haftet schwerlich das Wasser, welches leicht die Atemöffnungen der Blattunterseite verstopfen könnte; denn die Pflanze muß atmen wie der Mensch! So paßt sich der Huflattich seinem lehmig-feuchten Standort an, schützt sich aber mit demselben Filzüberzug auch gegen Austrocknung, wenn er auf dem Trockenen steht. Wer es einmal versucht, unser Kraut mit der Wurzel herauszureißen, wird wenig Glück haben. Zähe wie ein Riemen sind die endlos langen Wurzelstockausläufer, die befähigt sind, neue Huflattichstöcke zu bilden, wenn die Mutterpflanze nicht zum Fruchttragen gekommen ist, sei es durch anhaltendes, die Blüten verderbendes Regenwetter, oder durch das Ausbleiben des Insektenbesuchs. — Schon den alten Römern vor nahezu 2000 Jahren war der Huflattich bekannt, und zwar als ein treffliches Hustenmittel, und sie haben ihn gleich nach diesem Uebel benamst. Noch jetzt dürfte der Tee aus Blättern und Blüten der Pflanze bei Katarrhen hauptsächlich Verwendung finden. —

Geradezu charakteristisch für unser Erzgebirge ist das bunte Frühlingskleid, welches das Stiefmütterchen unseren Brachwiesen verleiht. Dieses zierliche dreifarbige Veilchen hat dem Volksgemüt Anlaß zu allerlei sinnigen Betrachtungen gegeben: Die einen sehen in der Dreifarbigkeit, gelb, lila, blau, ein Sinnbild der Dreifaltigkeit und nennen unser Stiefmütterchen Dreifaltigkeitsblümchen. Andere wieder betrachten das alleinstehende, meist gelbe Blütenblatt als böse Stiefmutter, die da gelb wurde vor Neid über das gute Gedeihen ihrer Stiefkinder, der beiden oberen, größeren Blütenblätter, und dergl. mehr! Stiefmütterchentee findet hier wohl meist als Blutreinigungsmittel, zuweilen wohl auch bei Ausschlägen, Verwendung.

Wer einmal aufmerksam unsere schöne Talstraße hinauswandert, der bemerkt auf der rechten Straßenseite, etwa einen Fuß breit vom Grabenrande, einen grünen Saum von Blattrosetten. Wegerich ist es! Wie er dort hinkam? Mit den Stiefelsohlen der Fußgänger, die bei Regenwetter immer hübsch im Gänsemarsch hier an der Seite wandelten! Der Wegerich hat den Namen wirklich sehr treffend bekommen; denn er ist ein wahrer Beherrscher der Wege! An alles hängen sich seine winzigen Samen mit feinen Häkchen an. Sogar nach Amerika haben ihn die Auswanderer unfreiwillig mitgeschleppt, und die Indianer nennen ihn dort „Fußtritt der Weißen“. Reißt man ein Blatt des Wegerichs quer durch, so hängen lange weiße Fäden heraus, die Blattnerven oder „Gefäßbündel“, in denen der Nahrungssaft zum Blatt emporsteigt. — Von den drei Vettern der Wegerichsippe sammelt man bei uns den Spitzwegerich, den man an den langen, schmalen Blättern und den kurzen, schmutzigweißen Blütenähren auf schwankendem Schafte erkennt. Spitzwegerichtee und -saft soll lindernd bei Husten und Verschleimung wirken. — Sonstige Liebhaber der Wegeriche sind Goldammern und Grünfinken, die sich an den langen „Rattenschwänzen“ gütlich tun! —

An sonnigen Hängen und Halden der Heimat begegnen wir einem myrthenähnlichen, verholzten Sträuchlein mit rötlichen Blütenquirlen, dem ein aromatischer Duft entströmt. Es ist Feldthymian oder Quendel, der als Zusatz zu Badewasser, wohl auch als Quendelspiritus Verwendung findet. Der angenehme Duft rührt her von einem ätherischen Oel, welches dem Pflänzchen anhaftet. Die weit herabhängende Unterlippe der kleinen Blüten ist geradezu geschaffen als Anflugbrett für honiglüsterne Insekten, die die Bestäubung unfreiwillig übernehmen. Quendelzweige wurden zur Ritterzeit gern als Schmuck in die Wehrgehänge und Schärpen gestickt.

„Maria Bettstroh“ nennt man bei uns das interessante Getüpfelte Johanniskraut, das in Gräben und an Wegrändern wächst. Seine gelben Blüten drängen sich zu einem Büschel an der Spitze des reichbeblätterten Stengels. Die Blätter, der Kelch und die Blüten sind dunkel punktiert. In diesen dunklen Punkten findet sich ein roter Farbstoff. Doch nun kommt das Merkwürdigste: Hält man eines der Blätter gegen das Licht, so entdeckt man zahllose durchsichtige Pünktchen, und es erweckt den Eindruck, als wäre das ganze Blatt durchlöchert! Die Ursache dieser Erscheinung sind winzige Drüsen, welche ein Oel absondern, das bei Verbrennungen angeblich gute Dienste leisten soll. — Ein ganzer Kranz von Sagen zieht sich um dies interessante Gewächs, und es muß in alter Zeit eine recht wichtige Rolle gespielt haben. Man erzählt sich, die Pflanze sei aus dem Blute Johannes des Täufers emporgesprossen, dessen Blut noch in den bereits erwähnten dunklen Flecken zu sehen sei. Darauf führte man die große Heilkraft zurück, welcher auch der Teufel nichts anhaben konnte und darum die Pflanze vor Wut zerstach, um sie zu verderben. Aus Johanniskraut braute man im Mittelalter ein Getränk, welches man den armen gefolterten Hexen reichte, um sie aus den Klauen des Satans zu reißen und ihnen das Geständnis leichter zu machen! — Mit Johanniskraut als Talisman zog man in den Kampf. Noch manche andere Sage ließe sich vom „Hartheu“ berichten, wie unsere Pflanze wohl auch heißt, doch mags genügen.

Wenn um den Johannistag herum das Johanniskraut seine Blüten entfaltet, dann erscheint auch auf unseren feuchten Bergwiesen und Waldblößen die eigentliche „Johannisblume“ des Erzgebirglers, der Arnika oder das Wohlverleih. Mit den prächtigen gelben Blütensonnen und der faltig grünen Blattrosette bildet die angenehm duftende Pflanze einen rechten Schmuck der Heimat. Wir haben in dem Gewächs wiederum einen Korbblütler vor uns, denn die ein bis drei Blütensonnen jeder Pflanze bergen eine große Zahl einzelner Blütchen, von denen die äußeren, strahlenförmigen die Arbeit des Insektenanlockens zu erledigen haben. Die ölhaltige Behaarung der Pflanze schützt sie trefflich vor Tierfraß. Da Arnikatinktur, bereitet aus dem dicken Wurzelstock der Pflanze, von jeher ein sehr beliebtes Universalhausmittel besonders gegen Verstauchungen und Quetschungen ist, geht das stattliche Gewächs leider in vielen Gegenden dem Aussterben entgegen, so daß man sich endlich entschlossen hat, es in Schutz zu nehmen und das Abpflücken von Arnika zu verbieten. Vielleicht bleibt uns so ein Naturdenkmal noch erhalten!

In der Umgebung unseres Städtchens, z. B. in der Bins, erregt unsere Aufmerksamkeit ein anderes meterhohes Heilkraut. Die zahlreichen kleinen rötlichen Blüten, die zu einer Art Dolde geordnet sind und durch diese Häufung trotz ihrer Kleinheit schon von weitem genügend auffallen, strömen einen angenehmen Duft aus. Hält man aber die Nase an den kurzen, dicken Wurzelstock, so weiß man, wen man vor sich hat: den Baldrian oder das Katzenkraut, wie man ihn auch wegen seiner Anziehungskraft auf Katzen nennt. Die heilsame Wirkung der Baldrianwurzel auf das Nervensystem war schon vor 350 Jahren bekannt, und sogar in der germanischen Göttersage taucht einmal der Baldrian auf!

Erschöpft ist sie mit dem bis jetzt Erwähnten beileibe noch nicht, die Schar unserer heilkräftigen Gewächse! In welcher Familie träfe man bei uns nicht Tee aus den Blüten der Linde oder des Vogelbeerbaums? — Eifrig sammeln manche auch die Bärwurz, die mit ihren dunkelgrünen, haarfein fadenförmig gefiederten, starkduftenden Blättern gleichfalls zu den charakteristischsten Pflanzen unserer Heimat gehört! Von den feuchten Ufern unserer Wasserläufe holt man sich die Braunwurz, eine oft über einen Meter hohe Pflanze mit scharf vierkantigem Stengel und kleinen dunkelbraunen Blüten, aus denen leuchtend die gelben Staubgefäße herausschauen. „Neunte Nessel“ nennt der Volksmund die Braunwurz, weil sie gegen neunerlei Krankheit, besonders gegen Rheumatismus, helfen soll!

Als Tee habe ich bei uns auch schon die tiefgespaltenen, unterseits silberfarbigen Blätter des Gänserichs oder Gänsefingerkrauts sammeln sehen, dessen zierliche, gelbe, dunkel geäderte Blüten uns von Wegrändern oft entgegenschauen. — Zum Schluß mögen auch noch die Schafgarbe und die bei uns nicht häufige Kamille, sowie das gleichfalls seltene Tausendgüldenkraut Erwähnung finden.

Ist es nicht schon ein recht bunter Strauß geworden, der nun vor uns steht? Mehr oder weniger sind diese Heilpflanzen schon lange fest verwachsen mit unserem Volkstum! Freilich, auch das beste Kraut wird den erfahrenen Arzt nicht entbehrlich machen. Wer aber durch das Sammeln und Beobachten der Heilpflanzen erst einmal tieferen Einblick genommen hat in zarte Leben dieser grünen Naturgeschöpfe und in ihren unnachahmlich kunstvollen Körperbau, der wird begreifen, daß man die Pflanzenkunde schon von altersher die „liebliche Wissenschaft“ genannt hat, und er wird dann sicherlich der ihn umgebenden schönen Heimatnatur mehr Beachtung und Aufmerksamkeit schenken!

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 1 v. 15. September 1926, S. 8 – 10.