Die Kleine Sehma

Von Schuldirektor Paul Thomas-Schlettau.

Die Kleine Sehma — oder wie der der Schlettauer Volksmund spricht: „De Klane Sehm“ — ist einer der ältesten Stadtteile von Schlettau. Der Name „Sehma“ stammt zweifellos auch aus der slavischen Sprache und bedeutet soviel wie „harter Boden“. Vielleicht haben ihn die allerersten slavischen Wegpioniere hierher getragen, die sich durch das sumpfige, morastige Zschopautal durchgerungen hatten und nun endlich wieder festen, harten Boden unter den Füßen fanden. Unsere alte Angerstraße dürfte noch heute die Spur des uralten Slavensteiges bezeichnen, der aus der Döbeln – Lommatzscher Pflege im Tale der Zschopau aufwärts gehend in Schlettau das Tal verließ, um über den Preßnitzer Einschnitt das Böhmerland zu gewinnen.

In der Kleinen Sehma haben sich jedoch später auch die ersten deutschen Ansiedler niedergelassen, jene von weit her herangezogenen Kolonisten, die das Erzgebirge urbar und saatreif machen sollten. Der Südhang des Schottenberges war für eine gebirgische Waldhufensiedlung wie geschaffen. Die Siedler erbauten sich ihr Gehöft in der Talsohle und bekamen vom Lokator (d. i. Landverteiler) ihr Stück Land, das sie nun zu bewirtschaften hatten, hinter ihrem Hofe bergaufwärts bis zur Höhe angewiesen. Noch heute kann man sehr gut die beinahe schnurgeraden Waldhufenlinien im Gelände verfolgen, die unten in der Talsohle beginnen, sich den Berghang hinauf arbeiten, von der Neuen Buchholzer Straße durchschnitten werden, sich aber jenseits der Straße in der ursprünglichen Richtung fortsetzen bis zum First. Man kann wohl sagen, daß die Schlettauer Landwirtschaft in der Kleinen Sehma angefangen hat und daß es von der ausgedehnten heimischen Flur der Südabhang des Schottenberges war, der zuerst von deutschen Pflügen bearbeitet wurde.

Späterhin, jedenfalls schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, gesellten sich zu den Hufenbauern auch die Bergleute. Wie ich schon früher ausgeführt habe, wurde am Südhange des Schottenberges nach Schlettau zu schon viel früher nach Erzen gegraben als an anderen Stellen der heimatlichen Flur. Wir wissen, daß Caspar von Schönberg (nicht Schönburg) 1477 beim Kurfürsten für seine Fundgrube „Zum reichen Spat“ in Schlettau Münzfreiheit auf zehn Jahre nachsuchte. So dürfen wir annehmen, daß die im „Reichen Spat“ beschäftigten Bergleute in der Sehma ihre Behausung aufschlugen und daß neben der Hufenbauernsiedlung ein kleines Bergmannsviertel entstand, in dem sich gewiß zur Zeit des Silbersegens ein gewisser Wohlstand entwickelte.

Es scheint tatsächlich so, als hätte sich damals das Schwergewicht des gesellschaftlichen Lebens von Schlettau nach der Kleinen Sehma verlegt. Wer die Dilichsche Federzeichnung mit Aufmerksamkeit studiert, wird finden, daß sich in der ganzen Anlage so etwas wie Großzügigkeit ausdrückt. Nun hatten ja auch damals die Schlettauer Schützen in der Kleinen Sehma ihr Klubhaus und ihren Schießstand. Die Vogelstange erhob sich auf dem Anger „neben dem Pechhaus“ (siehe die Dilichsche Zeichnung im 7. Heft des ersten Jahrganges!), und als Schützenhaus möchte ich das eindrucksvolle Gebäude ansprechen, das etwa auf dem Flecke stand, wo heute die Fabrik von Angermann steht. Vermutlich ist das Schützenhaus da draußen während der Wirren des Dreißigjährigen Krieges in Flammen aufgegangen; denn als die Schlettauer Schützengilde nach dem Kriege wieder auflebte, verlegten sie ihr Quartier hinaus nach der Bins, wo sie noch heute ihr Wesen hat.

Da nun die alten Schützenfeste mit viel größerem Pomp gefeiert wurden als in unseren Zeiten, so liegt es auf der Hand, daß die Kleine Sehma im 16. und zu Anfang des 17. Jahrhunderts der Schauplatz glänzender Festlichkeiten war. Auch andere Vereine, Zünfte und Innungen werden in dem geräumigen Schützenhaus und auf den Angerwiesen ihre Feste abgehalten haben, vielleicht fanden hier auch die Schlettauer Freimärkte statt, für deren Umfang und deren Bedeutung wir Menschen von heute gar kein Augenmaß mehr haben. So war die Kleine Sehma lange Zeit das Vergnügungs-Viertel von Schlettau (Vergnügungseck) und der Stadtteil durchlebte damals seine Glanzzeit.

Mit dem Rückgange des Bergbaues und dem Abzuge der Schützen verkümmerte der Wohlstand in der Kleinen Sehma. Das Leben stellte sich auf bescheidenere Formen ein, aber der ganze Stadtteil macht mir noch heute den Eindruck stiller Zufriedenheit, und diesen Sinn erhalte ein gütiges Schicksal dem traulichen Winkel bis in fernste Zeiten.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 6 v. 24. Februar 1927, S. 8 – 9.