Dos vermaleerte Hochzig-Geschenk

Eine Schnurre aus der guten alten Zeit. Nacherzählt von p. th.

Frieher, wie noch känne Eisenbah vun dr Schläte noch Annabarg ging un wie noch kä Auto ne Tog ä poormol riber un nieber prasselte, do hotte ´s ganze Läm viel meh – wenn mr siech racht gelahrt ausdricken darf – viel mehr Intimität. Off dr Landstroß hot mei Tog ä gutes Quentchen Poesie geleng, das schrumpelt immer meh z´samm, weil de Leit ´s Laafen nach un nach ganz verlerne tun. Die darnem offgewucherte Kuppee- und Autopoesie hat nett die warme Herzlichkat an siech. Eisenbah un Auto ham die Menschen vullständig umgekrempelt, wir sin nich meh vum alten Schlog, die alte Harmlosigkeet is zon Teifel gegang, die unschulligen Schnaken un Schnurren vun frieher känne in dar Treibhausluft unnerer hastenden Zeit gar nett gedeihe.

Wie scheen warsch da frieher, wenn unnere Posamentenverleger ihre Quästeln un Fransen noch Annabarg zon Großeikeifer brachten un miet neien Material wieder eheem nach dr Schläte zong. Gewöhnlich wur ä bestimmter Tog ausgemacht, un so war das ganze Convibium immer beisamm: dr Schwipper Eduard, dr Starke Lus, dr Ginther Edmund, dr Starke Reinhard, dar itze noch lebet un de ganze Sach bestäting kah, un wo drei oder vier Posamentenverleger beisamm warn, do gabs a immer Lust. Erscht wurn in Annabarg, wenn de Geschäfte erledigt warn, ä paar geschmettert, in Ratskeller, in Meesterhaus, un dann gings, jeder sei Päckchen Vierfachsecher Mule in Arm, zon Zindloch naus nach dr Schläte. Aennes scheen Togs war nu a mei Neßmann Balwier driem in Annabarg. ´s war Hochzig in dr Freindschaft, un sei Frah hatte gemant, er söllte driem in Annabarg ä Hochziggeschenk eikaafen, än rachten hibschen neien Stuhl fir de gungen Leit in dr Wirtschaft. Mei Neßmann Balwier hotte nu ah dan Auftrag vun dr Frah ausgefiehrt, un wie er nu miet dan Stuhl, dar iber un iber in Struh eigewickelt wor, de Buchhulzer Stroße virrammelt, trifft er de Posamentenfritzen. „Na, da ka mer ja in Gesellschaft gieh“, saht´r, un nu zong de lustigen Brieder noch Buchhulz, un dann dn Barg nauf bis zu Kuppersch Restaurang, wo noch eens gehom wärn mußte.

Dr Neßmann Balwier stellet sein Stuhl in dr Eck, un dos ganze Convibium verkruch siech in dan eißerschten Winkel, wu nu eens nach´n annern hinner de Binde gegussen wur. Dr Schwipper Eduard und r Starke Reinhard, die immer dn Schalk hinnern Ohrn sitzen hotten, stießen siech verständnisvull a, zwinkerten miet dn Ang un macheten naus. Se nahm ´n Neßmann sein Stuhl miet un ließen siech vun Kupperwirt dn schlachtsten Stuhl gäm, den er in seiner Wirtschaft hotte. Draußen in Hof wur nu dr neie Stuhl ausgepackt un die alte Krick fein miet dan Struh umwickelt un dann wieder in dr Eck nei in de Gaststub gestellt.

In vorgerickter Stunde gings nu feder. Freidestrahlend nahm mei Neßmann Balwier sein Stuhl über dn Rücken, un de Prozession zog in gemessn Schritt iber dr Höh. Bein „Heitern Blick“ wur noch ä Faustpinsel getrunken, den dr Neßmann aus Freide iber sein Stuhl schmeißen tat, un an annern Tog buckelte nu dr Neßmann miet seiner Frah zu dn Brautleiten, um sei Hochziggeschenk zu überreichen. In Hochzighause war eitel Freid, als dr Unkel un de Tante miet dn Stuhl ahgerickt kam. Dr Stuhl, der noch vullständig in Struh eigehillt wor, wur in dr Mitt vun Stiebel gestellt, un de ganze Freindschaft wur zesamm getrummelt, um das scheene Geschenk ze beaugenscheining.

De Brautleit finge nu a, dn Stuhl auszeschäln, aber du Ugelick, je mehr Struhwische in dn Korb flong, um so greeßer wurn de Gesichter, un mei Neßmann wurde grien, gelb un blau un rut links un rachts vun dr Nos, un wie nu dr Stuhl vun seiner Umhillung befreit war, da hätt iech möng ä Photograph sei. Die verdutzten Visaschen, das Gefeix bei dn Brauteltern, de Verlengheet bei dn gungen Leit, de Wut vun dr Neßmann Balwiern. Mei Neßmann aber knirschte de Zähne z´samm un ballte heemlich de Feist un sahte miet zitternder Stimme: „Na wart nur, Ihr Ludersch, das zahle iech Euch eheem, so wahr iech Neßmann heeße!“

Seit dr Zeit hat dr Neßmann nie wieder änn Stuhl eingewickelt nach Hause getrong, un er machte siechs zon Grundsatz, frei nach Goethe: „Was man unverhillt besitzt, ka man getrost nach Hause trong.“

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 6 v. 24. Februar 1927, S. 11 – 12.