Ehemalige Brüderschaften in Schlettau

O. Fritzsch, Lehrer.

Schon in den frühen Abendstunden sinkt der Schloßplatz, dieses altehrwürdige Fleckchen der Stadt, in Schlummer. Die hochschäftigen Eschen, Ulmen und Eichen im nahen Schloßgarten rauschen ihr monotones Lied, und nur noch zaghaft und ermüdet pinkt der Hammer des Schmiedes dazwischen. Die wenigen, die hier ihre Heimstätte haben, sammeln sich um des Lichtes Flamme, nur selten lenkt eins noch die Schritte über die Schwelle hinaus in die Nacht. Dann und wann hetzt knatternd, ein Spukgeist der neuen Zeit, ein Auto vorüber und zerreißt die friedliche Stille.

Ein anderes Bild! Die Zeit des Torschlusses ist herangekommen. Mit dem letzten Glockenschlag preschen noch ein paar Reiter durchs böhmische Tor, sie wollen im Reiterhaus am Schloßplatz Quartier beziehen. Die starkbefransten Hufe der derben Gäule klappern auf den steinernen Katzenköpfen des Schloßplatzes. Hinter ihnen huschen flüchtigen Fußes einige einheimische Gesellen ins hellerleuchtete Kalandhaus. Bald mischt sich in das Wiehern, Hufstampfen und Kettenrasseln aus dem Reiterhaus der Gesang und Becherklang aus dem benachbarten Kalandhauses – lange, lange noch –. „Gelächter scholl und Saitenspiel, bis auf die Gärten rings der Frühtau fiel.“ Ein Bild aus dem Jahre 1500.

Hier in diesem Winkel hausten seit etwa 1400 die Kalandsbrüder oder die Brüderschaft der Kalenden. Ihr Bruderhaus ist verschwunden und sie selbst löste sich auf, als durch die dumpfe Kirche und finsteren, engen Gassen der freie Geist der Reformation wehte. Und doch ist der Wille und die Aufgabe der Brüderschaft hinübergerettet worden in die neue Zeit, wenn auch in neuartigem Gewande und sind wirksam geblieben bis in unsere Tage. Darum ein kurzes über die Brüderschaft der Kalenden.

Wer mit aufmerksamem Ohr auf diesen Namen hört, wird seine Verwandtschaft mit „Kalender“ sofort herausfinden. Und tatsächlich hat die Brüderschaft von ihm seinen Namen entlehnt. Denn am 1. jeden Monats, an den sogenannten Kalenden, fanden die üblichen Zusammenkünfte statt, entweder um das Gedächtnis für ihre Verstorbenen zu begehen oder für die Kirchenfeste oder sonstige kirchliche Verrichtungen Anordnungen zu treffen. Solche Zusammenkünfte führten den Namen Convivium oder Convent; ein Name, der im Jahreslauf mancher Schlettauer Vereine heute noch auftaucht. Unsere Schlettauer Kalandbrüderschaft setzte sich zusammen aus den Geistlichen, aus Mönchen des Klosters Grünhain, weiter aus Männern und Frauen der Stadt, möglicherweise gehörten auch Jünglinge und Jungfrauen dazu. Daß hier von mehreren Geistlichen gesprochen wird, mag manchen verwundern, doch wenn man die Größe des Schlettauer Kirchspiels damaliger Zeit (Walthersdorf, Sehma, Königslust, Kühberg, Königswalde, Cunersdorf, Cranzahl) erwägt, leuchtet ein, daß mehr als ein Geistlicher tätig sein mußte. Schlettau hatte bis zur letzten Auspfarrung (Sehma mit Cunersdorf) 1673 einen Diakonus, der u. a. jeden Montag früh in einer Kapelle auf dem Schottenberge hinter dem Felsen, von Laurentius Pflock, einem reichen Fundgrübner, erbaut, eine Messe für die Bergleute lesen mußte. Die Mönche folgten ihrem Herrn, dem Abte, der als Patron der Kirche von Schlettau und als Grundherr der Herrschaft Schlettau nach allgemeinem Gebrauch eine derartige Vereinigung bestätigt hatte und vermutlich auch zur Brüderschaft gehörte. Später, 1536, als durch die Einführung der Reformation das Kloster in Grünhain aufgehoben wurde, bezog der letzte Abt das Kalandhaus am Schloßplatz als Ruhesitz. Den Laien erwuchsen durch ihre Mitgliedschaft manche Vorteile, außerdem fanden sie religiöse Befriedigung in der Teilnahme an gottesdienstlichen Handlungen. (Darum auch Altaristen oder Altarbrüderschaft genannt.) Gleichzeitig sei noch eines Umstandes gedacht, der aus einer Urkunde von 1522 hervorgeht. In ihr ist ein Vergleich niedergelegt, den der Pfarrer Johann Küttner und seine Gemeinde unter dem Vorsitz des Dr. Johann Zacken, des Propstes v. Leitmeritz, der zugleich Administrator im Erzbistum Prag war, (dazu gehörte kirchlich die Abtei Grünhain und Schlettau) abschloß. Darin heißt es unter anderen in Punkt 4: „Wenn die Brüderschaften Jahrestag halten, so sollen sie dem Pfarrer genüge tun“, d. h., ihn zum Gottesdienst und zur Feier einladen, was wohl bei dem gespannten Verhältnis zwischen Pfarrer und Brüderschaft oft nicht geschah und vom Pfarrer als Kränkung empfunden wurde. Aus dieser Urkunde ist nun das eine zu ersehen, daß in Schlettau mehrere Brüderschaften oder wenigstens noch eine neben der Kalandbrüderschaft bestanden hat, deren Namen leider unbekannt sind. Es waren für dieselben Ziele und Gedanken mehrere Vereinigungen gegründet worden, ein Fehler, dem die Schlettauer bis heute alle Ehre machen.

Der innere Aufbau und die Verwaltung war im ganzen zunftmäßig. An ihrer Spitze standen der Dekan und ein Kämmerer, beide waren Priester. Aus dem Kreis der Laien ging der Lese- und Sangesmeister hervor. Der Dekan ordnete die kirchlichen Angelegenheiten und wachte über Einnahmen und Ausgaben, desgleichen über die Einhaltung der Statuten. Ihm fiel auch zu, den Neuling in der Brüderschaft einem Verhör zu unterziehen und ihn auf die Statuten zu vereidigen, insbesondere waren Verschwiegenheit über Beratungen und Geheimhaltung über den Vermögensbestand strengstes Gebot. Ein aufgenommener Neuling hatte ein Eintrittsgeld zu entrichten in bar oder in Naturalien (Wachs war besonders beliebt) und, wenn es die Verhältnisse gestatteten, ein Gastmahl auszurichten. Der Kämmerer oder Sekretär hatte die weltlichen Geschäfte zu versorgen, die Kapitalien zu verwalten Rechnung zu führen, Briefschaften, Siegel, (das Siegel der Kalandbrüderschaften war überall das gleiche. In einer ovalen Fassung befand sich eine Faust, die ein Kreuz umschlossen hielt.), Kleinodien und Kirchenschmuck zu verwahren. Auch die Verwaltung der beträchtlichen Schenkungen an Grund und Boden lag ihm ob. So ergibt sich, daß in den Händen der Kalands mit der Zeit ein respektables Vermögen zusammenfloß, das ihnen ermöglichte, ein eigenes Haus für ihre Zwecke zu kaufen oder errichten zu lassen. Große Beträge verwendet die Brüderschaft zur Anschaffung von Kirchengeräten, Meßbüchern und Altarschmuck, zum Ankauf von Kruzifixen, Bahrtüchern und Tragbahren, zur Besoldung des Sangesmeisters und der Chorales (Chorschüler) und zur Unterstützung der Kranken und Armen. Ueberhaupt legten sie auf glanzvolle Ausstattung der Messen und der Bestattung ihrer Angehörigen großes Gewicht. Starb ein unbemittelter Bruder, so bestritt die Kalandkasse sämtliche Begräbniskosten, und das war für Kindergesegnete Anlaß genug, der Vereinigung beizutreten. Im ganzen aber, so sei hier nochmals betont, erblickten sie ihre Hauptaufgabe im Abhalten von gesungenen und gelesenen Messen für ihre Verstorbenen; die Messen fanden mehrmals in der Woche statt.

Wie eingangs erwähnt, fanden in der Frühzeit der Kalanden (13., 14. Jahrhundert) jeden Monatsersten die Zusammenkünfte statt. Im Laufe der Zeit aber schwanden sie immer mehr bis auf zwei oder einen Convent im Jahre. Kleine, kurze, geschäftliche Beratungen mag es daneben in großer Menge gegeben haben, der Zusammenhalt war dadurch wohl gesichert. Zudem war alltäglich im Kalandhaus Gelegenheit zu zwangloser Geselligkeit, wozu auch Nichtbrüder eingeführt werden konnten, gegeben. Mitunter wurde dem Kalandbier tapfer zugesprochen; stand doch der Brüderschaft das Brau- und Schankrecht zu, und dem tüchtigen Brauer wurde mit Wort und Trunk allenthalben Ehre angetan. Der Convent war ein Tag ganz besonderer Feierlichkeit. Eine Prozession mit den Geistlichen und Mönchen an der Spitze bewegte sich unter Musik und Gesang durch die engen Gassen des Städtchens nach dem geschmückten Gotteshaus. Hier boten Musiker und Sänger im Verein mit dem Orgelmeister ihre ganze Kunst auf. Nach beendetem Gottesdienst zog die Schar ins Kalandhaus zur Nachversammlung. Dekan, Kämmerer und Geschworene erledigten sich ihrer Vereinsgeschäfte, und nun konnte auch dem Materiellen im Menschen bei heiterem Wort, bei Mahl und Trunk genüge getan werden. In ihrer ursprünglichen Einfachheit und Schlichtheit erinnern die Nachversammlungen an die altehrwürdigen Agapen der ersten Christengemeinde, den sogenannten Liebesmahlen, die dadurch einen schönen Abschluß fanden, daß eine Reihe Armer dazu geladen war. Aber um 1500 verlieren die Gastmähler infolge zunehmender Verweltlichung ihre Berechtigung. Denn luxuriöse Schmausereien wurden bei den Kalandsbrüdern üblich und standen in Widerspruch zu ihren ursprünglichen Grundgedanken. Unmittelbare Zeugnisse für die Entartung der Convivien sind die Erlasse der Bischöfe und Synoden, die wiederholt gegen die Brüderschaft erlassen worden sind. Mit der zunehmenden inneren Zersetzung schwand auch allmählich das Ansehen der Brüderschaft und ihrer Convivien und fachten die Spottlust des Volkes an. (Es ist ein schönes Convivium beisammen!) Der Name der Kalandbrüderschaft wurde verabscheut und sie löste sich beim Eintritt der Reformation schmerzlos auf

Die jungen, umliegenden Bergstädte konnten sich in ihrer Sorge um Errichtung und Einrichtung ihres Gemeinwesens noch nicht den hier aufgeführten Aufgaben unterziehen. In Schlettau ging ein Stück mittelalterlicher Kultur zur Ruhe, ehe die Nachbarstädte zum rechten Leben erwacht waren.

Schon nach kurzer Zeit finden Laien wieder Freude am Kirchengesang und unter neuen Namen, wie Stabulisten, Adjuvanten, schließen sie sich zur Kantorei zusammen. Daneben tun sich die Begräbnisbrüderschaften auf. Die Urkunden beider Vereinigungen bezeugen zwar erst ihre Gründungen 1658, also 10 Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Jedoch läßt sich mit guten Gründen annehmen, daß das Jahrhundert von 1536 bis 1658 nicht ohne Kantorei und Begräbnisbrüderschaft gewesen ist. (Vielleicht mit Ausnahme der Jahre 1630 – 1648.) Beide, Kantorei und Begräbnisbrüderschaft, sind die lutherischen Erben der vorreformatorischen Kalandbrüderschaften. Sie sind keine neuorganisierten Vereinigungen, auch keine Nebengründungen der Kalands. Die freiwilligen Chorsänger und Bürger vereinigten sich nach dem Vorbild der alten Brüderschaften wieder zu festen Gesellschaften, die für das kirchenmusikalische und kultische Leben unserer Stadt von Bedeutung geworden sind.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 7 v. 19. März 1927, S. 8 – 10.