Ein Jahrgang Schlettauer Heimatblätter

Mit dem vorliegenden Augustheft schließt der erste Jahrgang der Schlettauer Heimatblätter. Als wir im vorigen Jahr mit dem Plane an die Oeffentlichkeit traten, zur Vorbereitung des geplanten Heimatfestes eine Monatsschrift herauszugeben, die der Pflege des Heimatsinnes in seinen mannigfachsten Aeußerungen gewidmet sein sollte, da fanden wir nicht nur in der Heimat selbst begeisterte Zustimmung; vor allen Dingen erweckte der Gedanke in den Kreisen der ehemaligen Schlettauer freudigen Widerhall.

Das Programm, das wir unserer Heimatzeitung an die Stirn geschrieben hatten:

  1. den geschichtlichen Sinn anzuregen,
  2. die Freude an der heimatlichen Natur zu nähren und zu stärken, und
  3. die Liebe zur heimatlichen Scholle überall dort zu wecken, wo sich das Heimatgefühl zu matt und unfruchtbar in den Herzen regte,

erwies sich in seiner zielstrebigen Durchführung als geeignet, einen größeren Leserkreis um die Heimatblätter zu sammeln. Zwar war der erste Aufruf an die Schlettauer nicht besonders vertrauenerweckend. Wir fingen mit einer Abonnentenzahl von knapp 100 an. Aber bald waren es 200, 300, und es dauerte nicht lange, da hatten wir einen festen Leserbestand von nahezu 400.

Wer sich an die Oeffentlichkeit wagt — das ist eine alte Sache — setzt sich der Kritik aus. Wir wollten der Kritik natürlich auch nicht aus dem Wege gehen, und daß auch unsere Heimatblätter unter die kritische Lupe genommen werden würden, das sahen wir voraus; denn dafür kennen wir die lieben Schlettauer viel zu genau. Die Kleinstadt geht ja in derlei Dingen oft viel rigoroser vor als das größte Gemeinwesen, wo in dieser Richtung leichter etwas nachgesehen wird.

Aus welchen Beweggründen in den einzelnen Fällen der Widerspruch entsprang, wollen wir hier nicht weiter feststellen, aber einige Stimmen aus den „kritischen Wäldern“ sollen doch hier zur allgemeinen Ergötzlichkeit wiedergegeben werden. Die einen regten sich darüber auf, daß in die Schriftleitung der Heimatblätter keine „eingebornen Schlettauer“ berufen worden waren. Was weiß das „fremde hergelaufene Volk“ von unserer Heimat, so meinten die vom „Lokalpatriotismus“ Ueberlaufenden! Andere bemängelten es, daß an den Heimatblättern zu wenig Mitarbeiter tätig waren; andere fanden es wieder verwerflich, daß hier jeder zum Worte kommen kann, der von heimatlichen Dingen etwas zu sagen weiß. „Fühlt sich denn heutzutage jeder berufen, schriftstellerisch tätig zu sein?“ Solche Aeußerungen haben wir nicht nur einmal hören müssen. Manchen Lesern waren die Artikel teilweise zu gelehrt, teilweise zu „witzig“. „Sollen etwa die Schlettauer Heimatblätter ein Witzblatt werden“, so hörte man sagen. Kurzum, es ist keine leichte Aufgabe, ein Zeitungsredakteur zu sein, zumal bei einem Blatt, das ganz auf die Interessen eines engsten Leserkreises eingestellt ist.

Wir haben von allem Anfang an an dem altbewährten Grundsatz festgehalten: wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Auch in einer kleinen Lesergemeinde ist das Lese- und Unterhaltungsbedürfnis auf verschiedenen Seiten eingestimmt. Darum haben wir auch gern und dankbar Beiträge angenommen, von denen wir uns von vornherein sagen konnten, daß sie möglichenfalls nicht bei allen Lesern ungeteilten Beifall finden werden; weil wir aber doch auch wußten, daß wieder andere Heimatblattfreunde gerade so etwas lesen wollten. Wie gesagt, ein Redakteur, der es allen Menschen recht machen kann, muß erst noch geboren werden.

Und so stehen wir vor dem zweiten Jahrgang der Heimatblätter. Wir hatten schon bei Beginn des ersten Jahrganges die Hoffnung ausgesprochen, daß die Heimatblätter mit dem Ausklang des für 1926 geplanten Heimatfestes nicht auch ihr Erscheinen würden einstellen können, weil sie sich auch über das Heimatfest hinaus als eine Notwendigkeit erweisen würden. Nun wollen wir ja — wills Gott — im nächsten Jahr das Heimatfest bestimmt feiern, wenn sich die wirtschaftlichen Verhältnisse bis dahin genügend klären und bessern. Die Heimatblätter haben also auch weiterhin ihre Aufgabe zu erfüllen, den heimatlichen Sinn in seinen vielfachen Auswirkungen zu pflegen. Gelegenheit herzu ist auch in Zukunft reichlich vorhanden. Wenn wir etwas vom Arbeitsplan im zweiten Jahrgang verraten sollen, so wißt, liebe Leser, daß wir zunächst mit einer Artikelreihe über das „Schlettauer Schloß“ beginnen werden. Die Beschreibung unseres heimatlichen Kleinodes wird sich durch 4 bis 5 Nummern hinziehen und wird mit reichlichem Bildmaterial geschmückt sein. Daran soll sich eine weitere Artikelreihe „Schlettauer Familiennamen und Schlettauer Familiengeschichte“ schließen. Mit ganz besonderer Gründlichkeit soll dann weiter die Geschichte des heimischen Handwerks nach dem reichen Quellenmaterial des Hauptstaatsarchivs behandelt werden, worauf wir dann die Geschichte der Schlettauer Vereine und Körperschaften zusammenzustellen gedenken.

Nebenher werden noch andere Artikel laufen, die sich ebenfalls mit heimatgeschichtlichen Vorgängen befassen sollen, z. B. Schlettauer Schreckenstage (Fortsetzungen), Schlettauer Straßen, der ursprüngliche Stadtplan, die alten Stadtbefestigungen u. a. m.  Der naturwissenschaftliche Plauderer wird fortfahren, uns mit seinen Streifzügen durch Feld, Wald, Wiese und Moor zu unterhalten, kurzum, an dem Plane der Heimatblätter soll nichts geändert werden, weil sich die Blätter in ihrer bisherigen Aufmachung als zweckdienlich in jeder Hinsicht erwiesen haben.

Dagegen wird der Verlag alles Mögliche tun, die Heimatblätter mit immer reicherer Ausstattung hinausgehen zu lassen. Gerade die Illustrationen sind es gewesen, die im Leserkreis mit ganz besonderem Wohlgefallen aufgenommen wurden. Das soll für die Schriftleitung und für die Herausgeber ein beachtlicher Fingerzeig sein.

Aber nun eins! Ihr lieben Schlettauer! Ihr müßt Euch noch fleißiger als Mitarbeiter betätigen. Es mag gewiß sehr viele geben, die den Heimatblättern etwas anvertrauen möchten, aber es fehlt ihnen der Mut zur Feder. Das ist verkehrt. Heraus aus Tintenfurcht. Schreibt Eure Erinnerungen an die alte, liebe Heimat nieder und schickt sie an die Schriftleitung ein, die alles, was für unseren Leserkreis geeignet ist, dankbar entgegennimmt und das weitere veranlaßt. Der Stab der Mitarbeiter muß immer größer werden; das gibt der Heimatzeitung immer mehr Anreiz.

Und nun: Die alte Treu den Schlettauer Heimatblättern!

Thomas.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 1. Jahrgang, Nr. 12 v. 15. August 1926, S. 1 - 2