Eine Pflicht der Menschlichkeit

Von Lehrer H. Dietrich.

Abgedeckt hat Mutter Natur wieder ihren reichhaltigen Tisch. Mit Nebelschleiern bedeckt sie das große Sterben ihrer Geschöpfe allenthalben! Nicht lange, und der Winter zieht sein weißes Leichentuch schweigend darüber hin. Heiser klingt das krächzende Totenlied der schwarz- und grauröckigen Galgenvögel, der Krähen, an unser Ohr! Schrill gellt des Hähers Ruf durch den düsteren Forst! Sonst aber ist´s still geworden im Fichtenwipfel, wie in der Jugend, in Busch und Garten! Keine Drossel schmettert ihr lustiges „David – David“ über den Wald dahin! Keine Braunelle spinnt ihr bescheidenes Liedlein auf dem äußersten Sproß der Jungfichte! Verklungen ist das Flöten und Klappern der Grasmücken im Garten am Hause! Verweht hat der kalte Nordost den Lerchenjubel von den kahlen Aeckern! Eintönigkeit und Schweigen überall da draußen, wo nur der Wind auf den Telegraphendrähten Orgel spielt! —“

„Pink – pink“ schreit uns da plötzlich jemand an, als wollte er uns Lügen strafen! Dort sitzt er, der Rufer: eine Kohlmeise ist´s! „Zerretetett“ antwortet ihr die Blaumeise, und die Haubenmeisen oben in den Fichtenzweigen rufen ihr melodisches „zi—gürr“ dazwischen! Aus den Haselbüschen herauf klingts, als zöge dort jemand seine Uhr auf! Das ist das anmutige Rotkehlchen mit seinem feinen Schnirpsen! Im Fluge über uns rufen dickköpfige Goldammern ihr scharfes „zick—zick“ zu uns herab, und dort drüben stieben Zeisige mit feinem „zieh“ durchs Geäst! Sie alle und noch so manchen anderen gefiederten Freund hat der Herbst mit seiner Rauheit nicht verscheuchen können, sie sind uns jetzt treu geblieben und wagen es, den Kampf mit dem Winter aufzunehmen!

Leicht wird ihnen dieser Kampf zwar nicht, zumal, wenn dann die Schneedecke die an sich schon sehr dürftigen Ernährungsmöglichkeiten noch bedeutend herabsetzt. Ist es dann ein Wunder, wenn viele dieser Stand- und Strichvögel die ihnen sonst eigene Scheu und Schüchternheit dem Menschen gegenüber völlig aufgeben und der Hunger sie den Behausungen und Siedlungen der Menschen zutreibt! Leider, leider findet ihre große Not oft recht wenig Beachtung! Recht zahlreich sind noch immer jene Menschen, die sich mit der Natur und ihren Geschöpfen höchstens dann einmal befassen, wenn sie irgend eine Möglichkeit erblicken, deren Gaben zu ihrem Vorteil ausbeuten zu können! Wie leicht ist es doch für jeden, ein wenig beizutragen zum Vogelschutz! — Manche Speckschwarte wandert in den Ofen und könnte im Garten den Amseln den Hunger stillen oder an einen Faden befestigt und aufgehängt den kletterlustigen Meisen eine willkommene Nahrung sein! Ebenso leicht lassen sich Vogelbeeren oder Holunderbeeren im Garten oder vor dem Fenster anbringen. In guter Absicht streuen manche Brot- und Semmelkrumen vor das Fenster. Es ist dies keinesfalls zu empfehlen. Gar zu leicht säuern dieselben und gehen in Gärung über, wobei sie den Vögeln viel mehr schaden als nützen. Großen Spaß bereitet es, wenn man halbe Walnußschalen mit geschmolzenem Talge füllt und vors Fenster hängt. Auch hierbei kann man die turnerischen Fähigkeiten der Meisen vortrefflich beobachten und kann zugleich die Sperlinge ärgern. Doch diese haben schon von jeher dem Grundsatz gehuldigt: Frechheit, verlaß mich nicht! und bedürfen daher auch der Winterfütterung am wenigsten. Die beste und dabei keineswegs kostspielige Fütterungsmethode ist aber zweifellos die vom Altmeister des Vogelschutzes von Berlepsch vorgeschlagene: Man schmilzt etwas Talg und schüttet in diesen allerhand Sämereien: Hafer, Hanf, Lein, Holunderbeeren, Sonnenrosenkerne und dergl. und verrührt alles miteinander. Dieses Gemisch schüttet man dann in irdene Blumentopfuntersetzer, die man vors Fenster oder noch besser in ein einfaches Futterhäuschen stellt. G. Soltwedel, Plantage Deutsch-Evern, Bez. Hamburg, liefert zum Preise von 20 Pfg. Futterringe, die aus der gleichen Masse hergestellt sind und sich bequem überall aufhängen lassen.

Es gibt so vielerlei billige Möglichkeiten, unseren leichtbeschwingten Freunden aus der Vogelwelt zu helfen! Darum frisch ans Werk! Die Mühe wird sich lohnen!

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 4 v. 22. Dezember 1926, S. 11 – 12.