Es spukt im Schlettauer Schloß

Eine gruselige Fastnachtsgeschichte von Paul Thomas, Schuldirektor.

Die meisten Schlettauer werden sich noch sehr gut darauf besinnen können, wie vor einigen Jahren – ich glaube, es war im Frühjahr 1919 – bei Auskellerungsarbeiten im alten Brauhaus die Arbeiter auf jenen längst vermuteten unterirdischen Gang stießen, der das Schlettauer Schloß mit dem Kloster Grünhain verbunden haben soll. – Bei einem Vorstoß in dem unheimlichen Gange entdeckten dann einige beherzte Arbeiter in einer märchenhaft ausgestatteten Grotte an einem kristallenen Tische 4 Nonnenmumien und darüber die rätselhafter Inschrift: OD UKA LA ER mit der Jahreszahl 1426.

Die Sache hat damals zu allerhand Vermutungen Anlaß gegeben. Ich habe mir die Mühe nicht verdrießen lassen, das Dunkel, das über diesem Drama schwebt, zu erhellen und habe nun folgendes in alten verstaubten Büchern und Urkunden gefunden.

Als im Jahre 1426 – also vor genau fünfhundert Jahren – die Kunde ins Gebirge kam, daß die Hussiten in Böhmen willens seien, nach Sachsen einzubrechen, um den Tod ihres Reformators Johann Huß zu rächen, fuhr ein namenloser Schreck in die Insassen des Klosters Grünhain, weil nämlich der Abt von Grünhain auf der Kirchenversammlung in Konstanz seine Stimme gegen Huß abgegeben hatte. Sie befürchteten für das Kloster das Schlimmste und hielten es für ratsam, sich schleunigst in Sicherheit zu bringen. Sie flohen in alle Winde, nach Zwickau, nach Annaberg. Vier von den Nonnen aber, Beatrice, Beata, Ursula und Famosa versuchten durch den unterirdischen Gang bis nach dem Schlettauer Schlosse zu gelangen, um unter dem Schutze der Burgmannen den Hussitenansturm zu bestehen.

Das Vorwärtsdringen in jenem Stollen war aber sehr mühsam und für zarte Nonnenfüßchen eine große Anstrengung. Sie konnten die weite Strecke nicht auf einen Anlauf bewältigen und mußten sich – nahe am Ziele – in einer grottenartigen Ausbuchtung des Stollens niederlassen, um den ermatteten Gliedern Ruhe und Erholung zu gönnen. Infolge der allgemeinen Abgespanntheit merkten die Nonnen nicht, daß es in der Grotte ungemein feucht war und daß das Wasser unausgesetzt von der Decke herabträufelte. Es war stark salzhaltiges Wasser, das von der Salzstraße durchsickerte, die ja gerade über den Stollen hinweggeht. Da, welch Mißgeschick! Die vier frommen Schwestern wurden vollkommen eingesalzen und sahen am nächsten Morgen so aus, als hätte man sie vier Wochen in den Karlsbader Sprudel oder in das Gradierwerk von Bad Sulza gesteckt. So schliefen nun die 4 Nonnen – durch das Salz gegen alle Verwesungseinflüsse von außen geschützt – einen halbtausendjährigen Zauberschlaf als Nonnenmumien, bis in derselben Nacht, wo in Köln die deutsche Glocke die Befreiungskunde anschlug, auch für diese Grünhainer Klosterschwestern die Erlösungskunde kam. Ein starker chemischer Windstoß, wie er in der Bins keine Seltenheit ist, war in den Stollen eingedrungen und hatte die Salzhülle gelöst. Die Stiftsdamen rieben sich den Schlaf aus den Augen – – – es war ihnen, als hätten sie nur einige Stunden geschlafen – – – und machten sich ungesäumt auf den Weitermarsch. Schon nach kurzer Wanderung landeten sie im Weinkeller des Schlettauer Schlosses. Da sie infolge der fünfhundertjährigen Vermummung in Salz solchen Durst hatten, als hätte jede ein Faß Heringe verspeist, so machten sie sich sofort über den 21er her und gerieten bald in eine so fidele Stimmung, daß sie in ihrem Uebermute die steinerne Wendeltreppe hinaufkletterten, die direkt nach dem Rittersaal führt. Der Vollmond warf sein magisches Licht durch die prächtigen Butzenscheiben, und keck, wie die vier Nonnen nun einmal waren, schickten sie sich an, eine Befreiungspolonaise aufzuführen.

In dem alten Rittersaal spukten aber schon längst zwei andere Geister: Abt Gustav und Bruder Franziskus. Sie waren auch einst auf der Flucht in diese alte Ritterburg geraten und trieben als Schloßgeister ihr Wesen in dem Ahnensaale der Burg schon seit dem Mittelalter. Als die vier Stiftsdamen die Treppe heraufgepoltert kamen und ihr lautes Gebahren das in Nachtruhe liegende Schloß erfüllte, bekamen es die beiden Klosterherren mit der Angst zu tun und – – – Vorsicht ist ja immer der bessere Teil der Tapferkeit – – – verkrochen sich schleunigst in dem großen Kamine in der hinteren rechten Ecke des Rittersaales. Dem Abt Gustav klopfte das Herz. „Alle gute Geister lobet Gott den Herrn!“ flüsterte er leise und gab das Gelübde, daß er jeder Nonne ein Paar totschicke Shimyschuhe schenken wollte, wenn sie nichts Frevelhaftes im Schilde führen sollten.

Franziskus, der Bruder, war etwas couragierter; er hatte ja wohl auch den großen Krieg mitgemacht. Er linste verschmitzt hinter dem Vorhange hervor, und als er merkte, daß die vier Nonnen gar keine so üblen Mädchen waren, rief er in das Feuerloch des Kamins, wo der Abt lauerte, hinein: Gustav, komm raus, die tun nischt!

Jetzt war mein Gustav natürlich Hahn im Korbe. Franziskus holte aus dem Keller noch einige Flaschen vom Besten herauf, und dann wurde im Rittersaale ein Wiedersehen gefeiert, daß die Schloßbewohner von dem Getümmel in Angstschweiß gerieten und die ganze Nachbarschaft vor Gespensterfurcht zittrige Beine bekamen. Abt Gustav erhob sein Glas und hielt eine fulminante Rede auf das schöne Geschlecht, auf das er zuletzt ein dreifaches „Gut Holz“ ausbrachte, in das die Nonnen freudig mit einstimmten.

Nun treiben die sechs Klosterleute ihr Wesen im Schlettauer Schlosse, und wer sie einmal beobachten will, der geht heute zum Fastnachtstage abends um 12 Uhr nach dem Hermannsdorfer Weg. Es pflegen nämlich die Klosterbrüder und -Schwestern in der Geisterstunde auf den Altan des Schlosses herauszutreten, um der Nacht, der die Geister ihr Dasein verdanken, zu huldigen.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 1. Jahrgang, Nr. 6 v. 15. Februar 1926, S. 11 - 12