Etwas aus der Geschichte unserer Schlettauer Kantoreigesellschaft

Von Kantor Erich Fischer, Schlettau.

Die Leser der „Schlettauer Heimatblätter“ sollen in Zukunft auch etwas über die Geschichte unserer Ortsvereine erfahren. Da die Kantorei wohl mit zu den ältesten noch bestehenden Vereinen gezählt werden darf, so eröffnet sie den Reigen.

Am 22. Januar 1658 kamen ehrbare Schlettauer Bürger, die den 30jährigen Krieg glücklich überstanden hatten, im Schulhause zusammen, um das gerettete Werk Luthers, die „singende Kirche“, zu befestigen und weiter auszubauen. Sie gründeten zu diesem Zwecke die Kantorei. Das Gründungsstatut weist 12 Paragraphen auf, die bei jedem Konvent (Versammlung) zur Beherzigung vorgelesen, evtl. geändert oder ergänzt wurden. Demzufolge gab es aktive und passive Mitglieder; die ersteren hatten 8 Groschen, die letzteren 2 Taler als Eintrittsgeld zu zahlen. Der Praefector Chori (Kantor) und Director Chori Musici (Musikdirektor) war der Ludimoterator (Schulmeister-Rektor). Ihm zur Seite standen zwei Praefectori (Vorsteher); der eine hatte die Schlüssel zur Lade, der andere mußte die Register führen. Pfarrer und Bürgermeister waren sozusagen Ehrenmitglieder, Advokaten, Apotheker und ehrbare Bürger ihre Mitglieder; 30 Männer gingen zu Chore. Daraus erhellt, welches Ansehen die Kantorei schon damals genoß.

Von Ostern bis Michaelis mußte aller 14 Tage, später aller 3 auch 4 Wochen in der Kirche musiziert werden. Zuvor hatten sich die Kantoristen nach dem ersten Läuten in der Schulwohnung einzufinden, „damit alle Fehler in der Kirche und die solchen folgenden üblen Nachreden vermieden bleiben können“. Auch soll jeder „auf den Takt fleißig achtgeben, damit die Musik wohl ablaufen möge“. Man war eben froh, wenn man miteinander „hinaus kam“, denn die Pausen waren schwer zu bewältigende Dinger. Der Organist (Stadtschreiber) hatte die Aufgabe, den „Generalbaß“ auf der Orgel zu spielen, und dieser bildete sich auf das Wort „General“ gewöhnlich nicht wenig ein. Wenn auch die Aufführung der Musik nicht gut gelang, manchmal sogar das Gebäude aus den Fugen zu gehen drohte, es nahm ein Ende, und nach dem Festgottesdienst sagte schweißtriefend Spiritus rector: „Jetzt gehen meine Feiertage erst an.“ Armer Kantor! Selbst 1877 lesen wir in den Akten unter dem Kantorat von Walther: „Bei allen Mühen kommt der Kantor durch die Nachlässigkeit der Sänger bei verfehlter Aufführung in eine üble Lage.“ Auch bei Brautmessen und Begräbnissen hatten die Kantoreimitglieder zu singen. Sie trugen Mäntel; im Leichenzug gingen sie in einer bestimmten Rangordnung, „um Streit zu vermeiden“. Die Chorknaben, vier an der Zahl, werden zum ersten Mal 1738 erwähnt. Sie sangen im Gottesdienst die Choräle mit der Gemeinde. Auch hatten sie während des Kantoreischmauses allerlei Handreichungen zu verrichten. Ob sie Kurrendaner waren, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Da aber im nahen Annaberg das Kurrendesingen in hoher Blüte stand, so ist wahrscheinlich, daß auch in Schlettau diese vier Knaben ihre hellen Stimmen vor dem Hause eines Täuflings erklingen ließen oder sich eine „Brautsuppe“ ersangen oder bei mattem Lampenschein an späten Winterabenden sich vor dem Hause ihrer Gönner einfanden. Gewiß, eine recht schöne Sitte! Sie ist zum vorläufigen Schlummern hinabgetaucht.

Alljährlich, Mittwoch nach Ostern und Mittwoch nach Michaelis, später nur einmal im Jahre, kamen die Kantoreimitglieder, mit dem Pfarrer und Bürgermeister an der Spitze, im Schulhause zum Konvent zusammen. Er begann nicht abends 10 Uhr, sondern früh 10 Uhr, oftmals bereits 8 Uhr. Hierbei mußten die Kantoristen „im festlichen Kleide erscheinen und nicht Tabak rauchen“. Daß es aber trotz des „festlichen Kleides“ manchmal recht ungehobelt zuging, lesen wir aus folgenden Paragraphen: „Im Convivio soll alles, als unzüchtige, abscheuliche und garstige Reden, Fluchen, Schwören, nicht minder auch aller Hader und Zank, Zwietracht und Feindseligkeit vermieden werden. So einer einen Schwur von sich hören läßt, wird mit 3 Groschen, derjenige aber, der Zank und Zwietracht anfängt und sich von den Inspectoris nicht zurechtweisen läßt, mit 17 Groschen bestraft, und so sich einer gar schlüge, vor Gericht gezogen oder hinausgeworfen.“ Die Strafen für Versäumnisse oder Verfehlungen konnten im Weigerungsfalle sogar von der Stadt eingetrieben werden. Schuld an manchen Verfehlungen mochte schließlich das Kantoreibier gewesen sein, das sowohl die Kirche als auch die Stadt in ansehnlichen Mengen an solchen Tagen gab und die Gemüter etwas erhitzte. Zwei, drei und mehr Faß Bier sollen dabei von diesen Tonkünstlern bis auf den Boden rein ausgetrunken worden sein. Zu ihrer „Ergötzlichkeit“ wurde anschließend an den Konvent auch der berühmte Kantoreischmaus abgehalten. Bis 1718 fand er gleichfalls in der Schule statt. In diesem Jahre beschloß man jedoch, „daß die Lade von einem zum andern mit ordentlicher Prozession ehrbar und womöglich in schwarzer Kleidung und Mänteln mit vorhergehender Musik fortgetragen werden soll“. Nur dann und wann wurde bei dem Vater der Lade der Kantoreischmaus abgehalten. Vielmehr zog man es vor, im Rathaus, „Schützenhaus“ oder „Goldenen Bock“ das üppige Mahl einzunehmen. „Dabei soll es ehrbar und bescheiden zugehen, und soll keins über 12 Uhr sitzen, sondern wenn 10 Uhr gehöret worden, sich nach Hause verfügen. Würde der Hospes (Wirt) mehr Bier geben, soll er dafür 4 Groschen Strafe erlegen.“ Je nach der Zeit bestand der Schmaus aus verschiedenen Gerüchten. So lesen wir 1666: „Jeder bekommt zwei Schüsseln voll Fleisch (Kalbs-, Schweins- oder Schöpsenbraten), Zugemüse, wie es zu bekommen ist, Käse, Butter, Brot, Kuchen.

1801: Kantoreischmaus 8 Uhr früh im „Schützenhaus“.

1803: eine Bratwurst von gehöriger Länge, Dicke und Güte, abends für Herren und Damen ein Rinderbraten mit Zubehör und vorhergehender Suppe, eine Flasche Rotwein, Bier und Musik sind frei.“

O gute, alte Zeit! In den 90er Jahren wurde der Schmaus immer dürftiger, oftmals fiel er aus.

Jetzt trägt unsere Kantorei nur noch einen schwachen Schimmer von all den ehemaligen Einrichtungen. Der immer nagende Zahn der Zeit hat auch hier ein gutes Stück alten Zaubers genommen. Die Lade träumt wahrscheinlich in einem vergessenen Winkel. Den Schmaus kennen die Kantoreimitglieder nur noch vom Hörensagen. Nur der Konvent findet noch statt. An aktiven Mitgliedern zählt jetzt die Kantorei 39 Damen, 15 Herren, 11 Knaben. Mithin stehen bei Festmusiken 65 Sänger auf dem Chore!

Klingenden Lohn verlangen die uneigennützigen und opferfreudigen Sänger und Sängerinnen nicht. Sie fühlen sich berufen, durch die ihnen von Gott verliehene schöne Stimme die Herzen zu erwärmen, zu stärken und himmelan zu führen.

Blicken wir zurück: Ein Stück Kulturgeschichte zog an unserem geistigen Auge vorüber, manchem Alten süße Erinnerungen wecken, aus einer Zeit stammend, in der man weniger auf Feinheit, als auf Freude hielt, in der der beste Musiker als derjenige galt, der am lautesten und taktmäßigsten zu musizieren verstand. Bis der große Meister Joh. Sebastian Bach die Kirchenmusik und damit auch die Kirchenchöre auf eine höhere Stufe hob. Zwar sind seitdem manche Sitten und Gebräuche unserer Kantorei in die Vergessenheit geraten, doch ihre Aufgabe ist immer die gleiche geblieben: mitzuschaffen, daß die kirchlichen Gezeiten an unsere Herzen schlagen. Gerade in der Jetztzeit, da alle Kräfte nach materiellen Gütern, nach kaltherziger Herrschsucht, nach Ausbildung und Anspannung aller Geisteskultur drängen, die Seelen aber verarmen, will auch die Schlettauer Kantorei an ihrem Teile mithelfen, durch edelste kirchliche Musik das Volk aus dem seelischen Tiefstande zur Höhe zu heben.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 5 v. 15. Januar 1927, S. 6 – 8.