Herbstzauber

Von einem Schlettauer Kinder.

Nach einem gänzlich verregneten Sonntag sendet uns der Wettergott versöhnend der Sonne wohltuende Strahlen. Ich sitze mitten drin und genieße in vollen Zügen das langentbehrte Geschenk des Himmels. Mein Blick haftet des öfteren am Fenster, wo herrlich erblühte Herbstblumen im Glanz der Sonne noch viel prächtiger in ihrer Farbenpracht erglühen. Und weiter schau ich — hinaus und hinauf, wo reiner blaßblauer Himmel sich wölbt, wo der Wind in den Blättern spielt und der Sonne Glut tausend und abertausend Diamanten erzittern macht. Ach, schön ist die Welt in Sonne und Licht, umsomehr, wo doch der Tod mit verborgner Sichel durch die Fluren schleicht. — —

Herbst ist geworden mit aller Macht. Bald zeigt er sich gar mild; dann aber wieder rauh und herrisch.

So sind wir hinausgezogen am letzten Sonntag, den Stock in der Hand — mit dem Sturm um die Wette — Kraft gegen Kraft — und wir haben ihn bezwungen! Graue Wolkenfetzen jagten droben hin; doch hie und da durchbrach der Sonne Schein alle Trübnis. Unser Weg führte uns durchs nahe Dorf, dann über den Hübel, den Feuerkräfte des Erdinnern in menschenferner Vorzeit aufgetürmt haben und dann schnurstracks in die Welt unserer Sehnsucht, in den Busch, in den Wald. Dort zieht´s uns hin mit aller Gewalt, wenn die Tage abnehmen, wenn die Sonne ihre Bahn kürzer und kürzer zeichnet, wenn der Wind über die Stoppeln fegt. Dort am Waldsaum fanden wir im Oktober drei frisch erblühte Heckenrosen. Wir brachen sie und brachten sie glückstrahlend heim.

Den Blick ins Tal gerichtet durch das sich das Silberband des Baches schlängelt, und drüben an der Lehne die alte Mühlenruine mit dem nahen Teich und das träumerische Erlen- und Weidengebüsch, auf dem sich eben ein Flug verspäteter Feldstare niederläßt. Ueberall Poesie, wo das Herz offen ist!

Still gehen wir weiter. Da stockt unser Fuß. Da! Ein Reh! Wie herzig! Doch schon flüchtet es ins nahe schützende Gebüsch.

Und wir sind am Ziel! In unserm Reich! Langsam wandeln wir dahin. Still und stiller wird es zwischen uns. Ein heiliges Schweigen umfängt uns. Wie sind da die Worte so klein, und das Schweigen so beredt. Das Auge schaut so viel es kann, und die Seele fühlt erbebend: „Der liebe Gott geht durch den Wald“.

So hat´s uns gezogen nach diesem Ort, so sind wir gekommen, und unsere Bewunderung will kein Ende nehmen. Wir falten still die Hände zum Lobe des großen Meisters und Künstlers: der Herbst, der goldene Herbst.

In den Bäumen leuchtet es rot und gelb in allen Abstufungen, und dazwischen drin die kecken Hagebutten im sparrigen Geäst und die Trauben des Hirschholunders und die schweren Dolden der Vogelbeere. Und alles eingerahmt von Herbstsonnenglut  — — — ein Gemälde, dessen Zauber auch das kälteste Herz erwärmen muß.

So kehren wir heim, die Weihe eines Sonntags in uns und mit dem Gesang auf unsern Lippen: „Wie ist doch die Erde so schön, so schön.“

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 3 v. 15. November 1926, S. 12.