Himmelsziegen-Balz

Von Lehrer H. Dietrich.

Die Feierabendglocke ist längst verstummt. Nur leise und verhalten grollt ganz in der Ferne noch der letzte Donner des Frühlingsgewitters. Auf der breiten Landstraße kehren wir dem Städtlein den Rücken. Gebändigt hat der Platzregen den lockeren Staub, daß ihm das Tanzen und Wirbeln vergangen ist, und feuchte, kühle, würzige Luft umfängt uns. Scharf kontrastiert das flammende Schwefelgelb, das der scheidende Sonnenball am Westhimmel zurückgelassen, mit der drohend schwarzen Wetterwand da drüben gen Morgen. Wohlig still ist´s jetzt einmal auf der Straße, und man kann den Stimmen der Natur lauschen, die sonst untergehen im Geknatter der Motoren! Schnarrend warnt das Rebhuhn in der Ackerfurche. — Auf jedem Stein, auf jedem Erdhügel aber da schnalzt und pfeift es! Willkommen ihr Braunkehlchen in der Heimat! — Jetzt sind wir an der Stelle, wo in flacher sumpfiger Senke ein Wässerlein dahinmurmelt und gurgelt, begleitet von allerlei Buschwerk! Mehr und mehr ist der Abendhimmel verblaßt. Tiefdunkle Bläue liegt über uns, im Osten aber ragt noch immer die düstere Wolkenwand. — Da klingt´s plötzlich aus der feuchten Wiese an unser Ohr: „Ticküp–Ticküp–ticküp!“ Gespannt lauschen wir! Und da — was war denn das? Klang das nicht wie dumpfes Gemecker einer Ziege über uns? Tief setzte es ein, wurde höher und fiel wieder ab! — Da haben wir sie ja, die gesuchten Sumpfschnepfen oder Bekassinen! Weit mehr als der Kiebitz haben sie auch bei uns der Kultur getrotzt! Es wird uns nicht gelingen, den stelzbeinigen Rufer mit dem mächtig langen Schnabel und dem dunklen, nur unterseits weißlichen Gefieder in der Wiese zu entdecken. Vielleicht, daß es uns glückt, die schwarze Sichel des balzenden Männchens hoch dort oben einen Augenblick ins Glas zu bekommen! Denn die Dämmerung schleicht heran, alle Konturen sachte verwischend! Jetzt meckerts rechts, jetzt wieder links, dann vorn, dann hinter uns. Mächtige Kreise zieht der liebestolle Bursche über uns! Dann verschwindet er wieder im Grase, und ticküp ruft´s hier, und ticküp antwortet es da! Plötzlich aber geht´s wieder hinauf zum balzenden Gemecker, das dem Vogel den Namen Himmelsziege einbrachte. Lange hielt man dieses Meckern für einen Kehllaut, bis dann viele Beobachter, allen voran der Husumer Forscher Rohweder, seine Entstehung völlig einwandfrei nachwiesen. Wenn der balzende Vogel reißend schnell zum Himmel emporgestiegen ist und eine Weile mächtige Kreise geflogen hat, wirft er sich plötzlich auf die eine Seite, spreizt den Schwanz fächerartig und läßt sich, mit den angezogenen Flügeln ein wenig zuckend, etwa 15 Meter tief herabfallen. Man kann diese Flugspiele oft trefflich beobachten. Bei dem schnellen Fall stößt nun ein scharfer Luftstrom gegen die sehr steifen Schwanzfedern und bringt sie zum Vibrieren und Brummen. Durch das Zucken der Flügel wird der Strom unterbrochen und das Meckern erzeugt. Der obenerwähnte Forscher hat eine Bekassine in balzender Haltung ausgestopft und sie dann mit einem Blasebalg angeblasen. Da erhielt er genau das gleiche Brummen der Schwanzfeder und konnte es durch regelmäßiges Klopfen auf die Flügel auch täuschend in das Gemecker verwandeln!

Erklingt dieser düstere Balzruf über einer weiten, einsamen Moorfläche, so fügt er sich wie kaum ein anderer Vogellaut trefflich ein in den schwermütigen, etwas unheimlichen Charakter dieser Landschaftsform. —

Immer noch geistert der seltsame Rufer durch den Himmelsraum, und schon beginnt die Nacht ihre Fittiche auszubreiten! Wir wenden uns heimwärts. Gegen Morgen hin zuckt unaufhörlich fernes Wetterleuchten!

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 10 v. 20. Juni 1927, S. 6 – 7.