In eigener Angelegenheit

Von den vielen Anerkennungen, die unsere Heimatblätter auf ihrer einjährigen Wanderschaft gefunden haben, sei hier eine zur allgemeinen Kenntnis gebracht.

  An
die Schriftleitung unserer Heimatblätter
    Herrn Paul Thomas, Schuldirektor.

Teile mit, daß mir die Heimatblätter große Freude bereiten, was ich zum Heimatfest persönlich ausdrücken wollte. Da nun für dieses Jahr nichts daraus geworden ist, so schreibe ich. Die Betrachtung in Nr. 1 mag wohl jedem, mag er noch so lange fort sein und wohnen, wo er will, aus dem Herzen gesprochen sein. So auch mir. Dieses habe ich schon oft gelesen, und jedesmal ergreift mich ein unaussprechliches Heimweh, und ich lese es doch wieder trotz alledem. Außerdem der Inhalt! Nur einmal interessant! Durch diese Heimatblätter lerne ich erst meine liebe alte Heimat richtig kennen. Wie oft sind wir den Elterleiner Hohlweg nach der Finkenburg marschiert, ohne zu denken und zu wissen, daß da vor Zeiten mal Salzwagen transportiert wurden. Heimatkunde gab es eben nicht.

Großen Spaß hat es mir gemacht mit dem alten Vielegut (so schrieb er sich); er war mein Großvater (mütterlich). Den Witz habe ich selbst erlebt, aber eins war fortgelassen: Als er runterrief: „´s net wohr, iech hob miech geärrt“, da rief irgend jemand vom Spritzenhaus hinauf: „E anner Mol sperr deine Aang besser auf!“ Es ist dieses gewesen 1865 oder 66; er starb 1867. Da zog mein Vater, der Hippmann Traugott, auf den Turm. Ich war zehn Jahre alt. Da bin ich bei Tag und Nacht die Treppe so manchmal auf- und abgestolpert bis zu meinem 20. Lebensjahr.

Ferner über unsern alten Lehrer Gehlofen. Erinnerung einfach herrlich! Manchmal mitgesungen: „Und wer froh ist, ist ein König“. Derselbe hielt auch Sonntagsschule, die ich längere Zeit besucht habe. Dann hatten wir noch unsern Lehrer Bochmann und Rektor Müller. Es war ein niedlich Dreigestirn. Gott hab sie selig!

Bei jedem Blatt, welches ich bekomme, freue ich mich immer wieder. Es fällt einem auch so manches wieder ein, was man schon längst vergessen hat. Dann die schöne Heimatsprache und die ulkigen Erzählungen von der Bins usw.

Von dem alten Huthaus (so hieß es im Volksmund) bei der Hühnerzucht, wo der alte Schürer-Moritz gewohnt hat, da haben noch früher meine Großeltern gewohnt. Mein Vater hat öfters erzählt, daß, als der Großvater gestorben war, derselbe acht Tage gelegen, da nicht durch den hohen Schnee mit der Leiche durchzukommen gewesen ist. Es hat ja früher strengere Winter gegeben, so noch vor 50 und 60 Jahren. Vor vier Jahren war ich dort. Da habe ich mit meinem Bruder die Stelle wieder aufgesucht, wo das Huthaus gestanden hat; bei dieser Gelegenheit auch einen Schoppen in der Hühnerzucht getrunken.

Vergangenen ersten Weihnachtsfeiertag bekam ich gerade ein Heimatblatt, wo das Heimatfest von 2026 gefeiert wurde. Da habe ich mich köstlich amüsiert. Habe im Geiste alles mitgemacht, sogar ein paar Gläser beim groben Traugott mitgetrunken. Milch habe ich gleich gar nicht bestellt; mag ich nicht.

Nun zum vorletzten Blatt! An Bernhard Greifenhagen hätte ich längst nicht mehr gedacht. Als ich im dritten Jahr diente, bekomme ich Besuch in der Kaserne: Bernhard Greifenhagen. „Hermann“, sagte er, „itze gieste miet zur Vogelwies‘“. „Iech ho ka Gald.“ „E wos, iech bezohl.“ Da haben wir noch einen aufgegabelt, ich glaube, der Liebscht-Emil wäre es gewesen, der diente im ersten Jahr. Da sind wir dann zur Vogelwiese gegangen und Bernhard hat für uns beide alles bezahlt. Des Abends hat er noch Fahrgeld über die Elbe bezahlt, weil wir über die Brücke nicht mehr früh genug in die Kaserne gekommen wären. Bernhard war damals Reisender in Zittau, also in Verhältnissen, die nicht glänzend waren, aber schon ein vorzüglicher Mensch. Ich habe mich gefreut, daß demselben ein solch Glück beschieden war und er auch davon abgegeben hat. Nur ein Jammer, daß dessen Zeit so früh schon um war. Ich selbst bin 57 geboren und noch stark und rüstig. Ich selbst habe nicht so ein Glück gehabt, aber heute, auf meine alten Tage, geht es mir gut. Und wenn Gott hilft, so könnte es sein, daß, wenn nächstes Jahr das Fest stattfindet, ich doch noch komme, wenn ich auch über 70 Jahre alt bin.

Zum Schluß: Ich habe manche Gegend kennengelernt, auch manchen Menschen, aber es ist alles keine Heimat, die Menschen keine Schlatner. Es geht nichts über das Erzgebirge. Aber ich bin nun einmal hier, habe mein Eigentum und muß wohl folglich auch hier sterben.

Und gelegentlich Grüße an meine Freunde Anton Hempel, Oskar Krause, Albin Büttner. Die meisten meiner Betkameraden sind wohl schon abgerufen.

Es grüßt herzlich auch die schöne Heimat

H. Hippmann.

19. Juli 1926, Verliehausen im Solling.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 1. Jahrgang, Nr. 12 v. 15. August 1926, S. 3