Nikel Mönch, auf dem Schlosse zu Schlettau gefangen gesetzt, macht einen Vertrag mit seinen Gegnern

1435.

In die wirre Zeit nach dem Hussitenkriege fällt eine interessante Verhandlung, die sich auf dem hiesigen Schlosse abspielte und die uns belangreiche Einblicke in die verderbten Zustände der damaligen Kriegs- und Nachkriegszeit tun läßt. Kaiser Sigismund war nicht der Mann, der das Staatsschiff durch eine sturmbewegte Zeit glücklich hindurchführen konnte. Noch viel weniger vermochte sein Nachfolger Friedrich III. (1440 – 1493) ein schwacher und untätiger Fürst, geordnete Zustände im Reiche zu erhalten. Unter seiner Regentschaft lebte denn auch das Faustrecht wieder auf, und die Raubritter trieben wieder wie zur kaiserlosen Zeit ihr Unwesen in den deutschen Landen.

So saß auch auf dem Schlosse Frauenstein ein Ritter mit Namen Dietrich von Vitzthum, der sich zum gemeinsten Räuberhauptmann entwürdigt hatte. Er wurde mit seinen Mord- und Raubzügen ein Schrecken des ganzen Erzgebirges. Kurfürst Friedrich der Sanftmütige ließ das Räubernest ausheben und den Ritter enthaupten. Dieses Blutgericht bildete den Auftakt zum berüchtigten Bruderkriege, weil Herzog Wilhelm von Thüringen Partei für die Vitzthume ergriff und auf Veranlassung zweier Vettern des enthaupteten Dietrich zu Vergeltungsmaßregeln aufgehetzt wurde.

Ein solcher Raubritter war nun auch im Gebiete des Abtes von Grünhain, in den Schönburgischen Landen, im Gebiete des Herzogs Wilhelm, vor allem aber in der Lößnitzer Pflege aufgetreten. Durch seine tollen Handstreiche und Raubzüge hatte er den ganzen erzgebirgischen Kreis in Schrecken versetzt, bis es gelungen war, den verwegenen Räuberhauptmann zu fassen und ihn in der Schlettauer Feste gefangen zu setzen. Das war ein Glück für ihn, denn wenn ihn die Lößnitzer erwischt hätten, so wäre es ihm erbarmungslos an den Kragen gegangen. So aber gelingt es ihm — durch Fürsprache einiger hervorragender Herren — seine Gegner zu Verhandlungen gewillt zu machen. Auf unserm Schlosse fand am 3. August 1435 ein feierlicher Prozeß statt, bei welchem dieser Nikel Mönch, so hieß der entgleiste Ritter, in Gegenwart zahlreicher Noblen aus der ganzen weiten Umgegend Urfehde schwören mußte, d. h. er schwor für sich, die Seinen und für alle seine Spießgesellen und Frohnten, nie wieder seine Gegner durch Fehden zu beunruhigen.

Diese Verhandlung wurde in einer Urkunde niedergelegt, die heute noch im Hauptstaatsarchiv aufbewahrt wird (Nr. 6364 b Dep. Lößnitz K 542). Wir haben uns in den technischen Werkstätten des Hauptstaatsarchivs einen photographischen Abdruck von der Urkunde herstellen lassen, den wir in heutiger Nummer in Buchdruck wiedergeben. Wir tun das, um den Lesern der Heimatblätter einmal zu zeigen, wie furchtbar weitschweifig das Gerichtsdeutsch des Mittelalters sich anließ, wie umständlich man oft eine ziemlich einfache Sache auszudrücken verstand, unsere verehrlichen Leser erhalten aber gleichzeitig auch eine Schriftprobe, deren Entzifferung für den Ungeübten oft die größten Schwierigkeiten macht. Herr Schuldirektor Reinhard-Scheibenberg hat sich der Mühe unterzogen und gibt uns nachstehend eine Uebertragung der alten Urkunde unter tunlichster Bindung an den Urtext des interessanten Schriftstückes.

„Ich, Nikel Mönch, bekenne öffentlich in diesem offenen Briefe, vor allen denen, die ihn lesen, sehen oder hören, daß ich in der Schlete gefangen gewesen bin und zu Gefängnis gebracht ward von etlichen von der Lößnitz wegen nemlich Niklas Glasberger und den Seinigen und Michel Weydenlich seines Sohnes und der Seinigen wegen heftiger (etzlichermaßen) Fehde, die ich gegen (keyn?) ihn hatte und besonders wegen Brüche (Einbrüche) damit ich wider sie getan habe. Darum standen sie nach meinem Leib und Leben und meinten, mir das mit Recht anzutun und mich also vom Leben zu bringen. Das denn von bederlen frommen Leuten unternommen ward aldo zu der Sleten und von unser beyder Orte wegen und unterteidigt habe (unterschrieben, unterzeichnet) an der Mittwoch vor Sante Donates Tage und nemlich von Conrad von Brandenstein, zur Zeit Vogt von Zwickau und Stollberg, und Hildebrandes Trützschler, zur Zeit Hauptmann der Herren von Schönburg, Herren zu Glauchau, in Gegenwart vieler biederer Leute zu Schlettau und des Vogtes daselbst, Bürgern und Bauern, die nicht alle namhaftig in diesem Briefe geschrieben stehen. Besonders sind dabei gewesen Lorensz Koppe, Peter Richter von Rückertswalde, der Richter von Tannenberg Kunz Pöling, Enderlein Mölner vom Geyer, Streubel (?) (Strembel) vom Geyer, Nikel Schürer (Schörer?), denen diese hernach geschriebene Richtunge aller wissentlich (bekannt) ist und Brüche sahen wie ich sie seinerzeit gegen den genannten Leuten von der Lößnitz verbrochen habe, gütlichen entricht und entsatzt und wek geleyt (weggelegt). Um alle Sachen und Gebrechen habe ich an dem genannten Tage vor den genannten Zeugen-Leuten geschworen einen rechten Frieden und Urfehde für mich, alle meine Erben und alle meine Frohnten und für alle, die meinen Willen tun und lassen wollen; solcher Sache nimmer zu gedenken noch sie zu rächen, beides mit Worten und auch mit Werken; nicht an den Landen und Leuten aller meiner gnädigen Herren, zum ersten des Herzogs, danach besonders an den Landen und Leuten des Abtes von Grünhain, darnach an allen Landen und Leuten derer zu Schönburg (Schönberg) Herren zu Glauchau, und besonders und zuvörderst wider die von Lößnitz und wider alle, die genannt sind, daß ich wieder die nimmer etwas tue, ich noch alle die Meinigen und niemand um meinetwillen, jetzt und nie mehr. Ich gelobe, das ganz und stets fest zu halten bei meinem beschworenen Eid und bei meinem christlichen Namen.

Zur größeren Sicherheit dafür, daß ich, alle meine Erben und alle die Meinigen solche Richtunge, Eid und das Gelübde ganz unverbrüchlich halten sollen und wollen, beiden, den Landen und Leuten vorbenannter Herren und namentlich denen von Lößnitz, so setze ich ihnen zu Bürgern die hernach aufgeschriebenen ehrsamen, weisen, biederen Leute, zum ersten Heinrich Koppe und Hans Froß, gesessen (wohnhaft) zu Geyer, und Peter Richter von Rückertswalde, Enderlein Mölner von Geyer, Streubel (?) zu Geyer, Paul von der Eyben zu Geyer und Nikel Richter zu Tannenberg, Mattes Cluge, Richter zu Tannenberg und wir jetzt und genannten Bürgen geloben alleselbstschuldig mit gesamter Hand einig (ungeteilt) mit dem genannten Nikel Mönch, den vorstehenden Richtunge, Eide, Gelübde und Frieden ganz unverbrüchlich zu halten gegen alle und besonders gegen jeglichen, der oben genannt und berührt ist, bei unserm wahren Namen und unserer Ehre, und namentlich auch gegen Herrn Niklas Weydelich.

Wenn dem genannten Nikel Mönch forthin Freibruch (Gegenmaßregeln, Gegenbruch) geschehe gegen irgendeinen der Obengenannten, so soll er sich vor jeglichen Herren, wohin der gehört, des schlichten Rechtes genügen lassen, und das vorder nicht suchen, wie er denn geschworen und gelobt hat und auch geschworen, desselbengleichen, wenn jemand Schuld an Nikel Mönch gewönne, der soll es ihn wissen und ihn zur Antwort kommen lassen.

Wenn nun der Fall einträte, daß der genannte Nikel Mönch oder alle die Seinen oder jemand um seintewillen von den vorgesehenen Richtunge, Eid, Frieden und Gelübde abfällig würde, welcher Schaden dadurch käme über Lande, Städte, Dörfer oder der Leute Zehrung, oder welcher Schaden sich daraus ergäbe, wenn er offenbar und kund würde, so geloben in Wahrheit wir, die genannten Selbstschuldigen und Bürgen, alles selbst zu tragen und auch jeglichen, dem hierbei Schaden geschähe, im Guten zu entschädigen dermaßen, wie oben geschrieben steht, bei unserer Treue und Ehre, soweit unser Hab, Gut, Ehre und Leben reicht. Wir geloben diesen Brief (Vertrag) ganz unverbrüchlich in allen seinen Artikeln jeglichen (jedermann gegenüber) ganz unverbrüchlich zu halten.

An das angefertigte Schreiben habe ich, Nikel Mönch genannt, zur rechten Urkunde mein Insigel für mich, meine Erben und wir genannten Bürgen und Selbstschuldigen Heinrich Koppe und Hans Froß, jeglicher sein Insigel mit gutem Willen ungezwungen angehängt unter diesem Briefe, deren wir andern Bürgen für diesmal mit teilhaftig sind.

Ueber das alles haben alle wir Selbstschuldigen und Bürgen die ehrbaren und festen Siegemund Braun und Hans Kropitzen gebeten, ihr Insiegel zu unserm zu hängen ohne Schaden für sie, was wir benannten dem um ihrer Bitte willen gern getan haben. Dieses ist gegeben nach Christi Geburt tausend vierhundert darnach im fünfunddreißigsten Jahre an der Mittwoch vor Sante Donatus Tage.“

Einige Randbemerkungen zur Urkunde von 1435.

Inhaltlich ist das Schriftstück außerordentlich breit, aber dennoch sehr leer. In der Fehde war ein gewisser Nickel Mönch unterlegen. Wir erfahren aber aus dem Schreiben selbst nicht, daß er aus Elterlein stammte. Das hat eine andere Hand auf der Rückseite der Urschrift angemerkt. Wir erfahren nichts Genaues darüber, wessen Standes er war und in welchen Verhältnissen er lebte, erfahren nichts von der Ursache, dem Ort, der genauen Zeit und dem Umfange der Fehde, ob und wieviel Helfer Mönch hatte usw. Alles das wird als selbstverständlich und bekannt nicht mit einem Wort angedeutet und ist für uns nur ein Gebiet für Vermutungen. Dagegen erhält man einen gründlichen Einblick in das höchst umständliche Verfahren beim Schwur der Urfehde. Die Breite des Schriftstückes erweckt den Eindruck ungeheueren Mißtrauens wegen Verdrehung der aufgesetzten Worte und wegen des Bruches der Urfehde. Durch einen großen Apparat von Zeugen und Bürgen sucht man das zu verhindern.

In sprachlicher Hinsicht weist die Urkunde viel Eigenartiges auf. Der ganze Schriftsatz ist ohne alle Gliederung, weder Abschnitte noch Sätze nach Satzteile sind kenntlich gemacht, Satzzeichen sind überhaupt nicht verwendet. In der Rechtschreibung begegnet man nicht nur den bekannten alten Schreibweisen, wie v und w für u, y für i und der seltsamen Groß- und Kleinschreibung, die von der heutigen ganz abweicht, sondern man trifft auch recht ungewöhnliche Formen, z. B. apt für Abt, queme für käme, keyn für gegen, Keywertickeit für Gegenwärtigkeit, Teydiger lewte für Zeugen-Leute. Schülerhaft wirkt es, daß dasselbe Wort wiederholt verschieden geschrieben ist, so Schleten und Sleten, geschworn und gesworn, bederbe, biderwe und bedirwe (biedere) lewte, Tanneberg und Tannewerg, yn und ön (ihn), by und pyn (bin). Sehr häufig wird der übergesetzte Strich verwendet, der aber nicht nur die Verdoppelung, sondern oft auch die Auslassung leicht erkennbarer Buchstaben andeutet. Endlich sei noch auf die alte Form der Wortabkürzung hingewiesen, die heute noch oft angewendet und vielfach mißverstanden wird. Doch der freundliche, unverdrossene Leser lasse nur den ehrwürdigen Zeugen erzgebirgischen und sächsischen Lebens vor fünf Jahrhunderten selbst zu sich sprechen.

R.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 6 v. 24. Februar 1927, S. 3 – 6.