Schlettauer Schreckenstage (4)

Von Lehrer Hans Thomas, Großrückerswalde.
(4. Abhandlung.)

Leiden des Bergstädtleins Schlettau im Bayrischen Erbfolgekrieg 1778/79.

Im Jahre 1777 starb der bayerische Kurfürst Maximilian Joseph kinderlos. Diesen Todesfall wollte sogleich der Sohn der Kaiserin Maria Theresia, Joseph II., dazu benützen, das schöne Bayernland der habsburgischen Hausmacht anzugliedern, zumal, da der ebenfalls kinderlos gebliebene Pfalzkurfürst Karl Theodor leichten Herzens auf die Erbfolge zu Gunsten des Kaisers verzichten wollte. Es rückten alsbald österreichische Truppen zur Besitznahme des Landes in Niederbayern ein. So leicht, wie sich der Kaiser den Handstreich gedacht hatte, sollte die Sache aber doch nicht ablaufen. Es lagen nämlich noch andere wohlberechtigte Erbansprüche vor, die der Kaiser kaltlächelnd übersehen hatte. Die um ihr Erbe Betrogenen wehrten sich, es kam zu diplomatischen Auseinandersetzungen, die aber zu keinem Ziele führten. Mit Erbansprüchen traten hervor Herzog Maximilian von Zweibrücken als Vetter des verstorbenen Kurfürsten Karl Theodor, und unser sächsisches Regentenhaus. Der heimgegangene bayerische Kurfürst war nämlich der Onkel des Kurfürsten Friedrich August von Sachsen gewesen.

Man rief den Preußenkönig Friedrich I. um Hilfe an und verband sich mit ihm gegen den Kaiser, der in solch wenig ritterlicher Weise seinen Vorteil suchen wollte. Im Juli 1778 begannen die kriegerischen Händel. Von Schlesien aus rückte der alte Fritz in Böhmen ein, während sein Bruder Heinrich zusammen mit den Sachsen durch die Lausitz zog. General Möllendorf sollte mit einer kleineren Abteilung unser Erzgebirge schützen und decken. Der Feind war nirgends anzutreffen, und so kehrten die Truppen zurück und schlugen bei Freiberg und im Plauenschen Grund ein Lager auf. Nun begann aber erst die Schreckenszeit für das Erzgebirge und unsere Heimatstadt Schlettau. Oesterreichische Kavallerie unter dem Oberbefehl des Generals Sauer überschritt die Grenze und drängte die wenigen sächsischen Dragoner zurück. Die feindlichen Horden überschwemmten den ganzen erzgebirgischen Kreis, und wo sie auftraten, verbreiteten sie Panik und Schrecken. Sie erpreßten von den Bewohnern ungeheure Summen Geldes und unerhörte Mengen von Lebensmitteln und Kleidungsstücken. Oberwiesenthal, Jöhstadt, Bärenstein, Scheibenberg, Zöblitz, Schwarzenberg, Grünhain und Schlettau wurden heimgesucht und mußten die Drangsale der österreichischen Barbaren erdulden.

Der schwarze Tag für Schlettau war — so erzählen die im Ratsarchive aufbewahrten Kriegsakten — der 10. September 1778. „Mit größter Bestürzung müssen wir hierdurch melden“, so schreibt der damalige Chronist, „daß am 10. September a. c. von Annaberg über Buchholz nach Schlettau der Leutnant Otto vom Sauerschen Korps mit 70 Dragonern kam und sogleich von dem aus nur 100 Feuerstätten bestehenden Städtlein, dessen Haupterwerb in Ackerbau und einigen Handwerksleuten bestand, 40 000 Thaler Brandschatzung und 1000 Stück Dukaten als Douceur (= Geschenk) für die Herren Offiziere forderte.“ Da es unmöglich war, das Geforderte aufzubringen, so wurden der Bürgermeister Hempel und der Ratsassessor Sinapius als Geiseln nach einer Stunde gefaßt und nach Preßnitz transportiert, während die Dragoner in der Stadt Kaffee, Zucker, „Toback“ und Viktualien im Werte von 70 Talern requirierten. Andere Dragoner, die in ihrer Montur ziemlich heruntergelumpt waren, gingen Hemden betteln, und die Einwohner gaben, was sie nur entbehren konnten, damit die Soldaten „ihre Blöße bedecken konnten“. Der auf dem kurfürstlichen Jagdschlosse wohnende Kammerjunker und Oberforstmeister von Bräunecke mußte für seine Person dem Leutnant sofort 70 Dukaten Douceurgeld erlegen und den fremden Offizier in Quartier nehmen. Die Einwohnerschaft brachte 250 Kaisergulden auf und leistete damit eine Abschlagszahlung auf die geforderte Brandschatzung.

Am 12. September holten Husaren den schon erwähnten Oberforstmeister von Bräunecke und den Ratsassessor Scheibner zum Obristwachtmeister nach Scheibenberg. Hier wurde ihnen eröffnet, daß der Rest der Douceurgelder unverzüglich bezahlt werden müßte. Forstmeister von Bräunecke ist damals eingesprungen und hat die restlichen 75 Gulden hinterlegt. Man versicherte daraufhin den beiden Stadtvertretern, daß die Ansprüche der Oesterreicher damit befriedigt seien und daß man keinerlei Forderungen mehr vorbringen werde. Aber die Versprechungen wurden nicht gehalten. Am 15. September kamen frühmorgens wieder 20 Dragoner mit einem Leutnant nach Schlettau. Diesmal forderten sie 300 gute Hemden oder 300 Taler Geld. Im Schlosse, wo die Bande zuerst vorsprach, drohte man dem Fräulein von Bräunecke, daß im Weigerungsfalle die Reiter absitzen und mit den mitgebrachten Hacken die Kisten und Kästen aufgeschlagen werden würden, wenn man nicht gutwillig das Geforderte herbeischaffte. In der Angst gaben die Schlettauer die verlangten Hemden her, und wenn sie dieselben vom eignen Leibe ziehen sollten. Man brachte dennoch nur 40 Hemden zusammen, und man einigte sich mit dem fremden Offizier, für die fehlenden Stücke 30 Taler Ersatz zu hinterlegen. Die Hälfte des Geldes mußte sofort, die andere Hälfte aber binnen einer Stunde im Zollhaus abgeführt werden. Im Schloß erpreßte der Leutnant noch 27 Taler für ein Reitpferd.

Das waren traurige Herbsttage für unser Städtlein gewesen, die Einwohnerschaft ausgeplündert wie in den furchtbaren Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Der Notschrei der Bevölkerung drang in alle Welt hinaus. Da sandte man endlich den General Schiebel ins Erzgebirge, um die plündernden Oesterreicher über die Grenze zurückzuwerfen. Am 15. September rückten sächsische Dragoner in Schlettau ein, und damit war den Einfällen der Oesterreicher Halt geboten. Unsere Stadt atmete erleichert auf, aber sie hatte nunmehr bis ins Frühjahr 1779 hinein preußische und sächsische Einquartierung zu erdulden. Der Kriegszustand hörte erst im Mai 1779 auf. In diesem Monat wurde der Friede geschlossen, der unserm Sachsenlande 6 Millionen Gulden Kriegsentschädigung einbrachte. Die aus der Stadt entführten Geiseln, die von Preßnitz nach Budapest gebracht worden waren, wurden nach der Heimat entlassen. Durch Friedensschluß wurde allen Orten des Gebirges die geforderte Kriegskontribution erlassen.

Die Schlettauer Stadtverwaltung hatte aber schon mittlerweile durch einen Aufruf in der „Leipziger Zeitung“ die Mildtätigkeit weiterer Kreise angerufen, um das Elend auszugleichen, das durch den räuberischen Einbruch der Oesterreicher im Städtlein verursacht worden war. Auch direkte Bittbriefe waren ergangen an die Amtsleute, an hohe Offiziere, selbst an fürstliche Personen und andere Stellen, um die breiteste Oeffentlichkeit für die Notlage der Stadt zu interessieren.

Hering bringt in seiner „Geschichte des Sächsischen Hochlandes“ (Leipzig 1828) ein belangreiches „Verzeichnis der sämtlichen Geiseln, welche im Jahre 1778 von den österreichischen Truppen aus den erzgebirgischen Städten nach Ungarn geführt und in der Stadt Ofen so lange gefangen gehalten werden sollten, bis jeder Ort die geforderte Kontribution entrichtet habe, sämtlich aber den 21. Januar 1779 zu Ofen entlassen und mit Pässen zur ungehinderten Rückkehr vermöge Kaiserl. Königl. Befehls vom 16. Januar genannten Jahres versehen wurden.“

(Wir bringen diese Tabelle hier zum Abdruck, weil sich aus ihr ersehen läßt, daß Schlettau, wie es scheint, schon immer als eine Stadt angesehen wurde, aus der man möglichst viel herausziehen kann.)

Den durch Plünderung und Erpressung erlittenen Verlust bezifferten die Schlettauer Einwohner auf insgesamt 525 Taler.

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Zu dem Einfall der Oesterreicher noch einige interessante Anmerkungen.

„Bei einem armen Schlettauer Zimmermann verlangte ein Husar ein Paar gute Stiefel oder 4 Kaisergulden. Da er solches nicht hatte, hieb der Husar dem Manne die Fenster ein, stieg vom Pferde und schmiß mit Holzstöcken den Mann.“

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„In dem anhero eingepfarrten, aus 6 Hufen bestehenden Dörfel Walthersdorf sind wegen der Plünderung 150 Dukaten, 20 Schock Hafer, 20 Fuder Heu, 300 Brote, etliche Faß Bier, eine große Anzahl Kannen Butter, Branntwein, Käse und andere Viktualien erpreßt worden. Die geforderten 300 Hemden sind wegen Ankunft der sächsischen Dragoner zurückgeblieben.“

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Am 26. Oktober 1778 ging folgender Befehl auf dem Rathause ein:

„Auf Befehl des Herrn General Major vom Carlsburg wird Herr Bürgermeister und Rath zu Schlettau beordert und Ihme bey Vermeidung milidarischer Execution anbefohlen, von der dasigen Commune längstens Morgen früh 7 Uhr allhier in Scheibenberg unterm Rathause 26 Mann zum Schantzen, und zwar halb mit Keylhauen und halb mit Schaufeln zu gesetellen.

Scheibenberg, den 26. Oktober 1778.
von Brandenstein, Capiteine.“

Bei Kriegsausbruch waren den Schlettauer Bauern Armeelieferungen auferlegt worden. Von jeder Hufe sollten 2 Zentner Heu abgegeben werden. Die Gemeinde suchte aber um Erlaß nach, weil am 8. Juni 1778 ein heftiges Schloßenwetter und eine große Ueberschwemmung die ganze Heuernte vernichtet hatte. Am 7. September wurde den Schlettauer Bauern die Lieferung erlassen.

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Auch folgender Erlaß ist in mancher Hinsicht interessant:

„Ew. Hochwohlgebohren müssen sämtlichen Richtern derer Städte und Dörfer in der Chaine (d. h. im Postenbereich) Ihrer Division bis zur letzten Grentze, bekannt machen, daß der Waffenstillstand geschlossen worden. Dabey muß denen Richtern aufs nachdrücklichste angedeutet werden, daß sie auf alle Deserteure mit dem größten Fleiß vigiliren (achtgeben). Die Richters müssen die Gemeinden zusammenkommen lassen, und einen jeden deutlich und genau unterrichten, daß er überall, wo er einen Soldaten ohne Paß antrifft, ihn sogleich arretiret. Demjenigen, der einen Deserteurs aufgreift, wird ein Douceur bezahlt. Der Richter aber, oder derjenige aus der Gemeinde, der sich verdächtig macht, einen Deserteur nicht aufgehalten, oder gar durchgeholfen zu haben, hat die schärfste Bestrafung gewiß zu gewärtigen. Das alles muß aufs deutlichste überall bekannt gemacht werden.

Zschopau, den 10. Marty 1779.“

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Am 6. Juni 1779 wurde im ganzen Kurfürstentum das Friedensdankfest gefeiert. Bürgermeister und Rat zu Schlettau erließen hierzu folgende Bekanntmachung:

„Nachdem der Große gott die Hohen Mächte der Erde dorch seiner Vater treue gelenckt und ihnen gedancken des edlen Friedens geben weshalben Morgen Sontags als den 6ten Juny a. c. das Friedensdanckfest wie solches vor acht Tagen in hiesiger Kirche vormeldet worden in unserm Churfürstenthum Sachsen soll gehalten werden, so sind wir Bürgermeister und Rath allhier gesonnen und haben vor nöthig erachtet Gott dem aller Höchsten geber dieser unschätzbaaren gnaden Wohlthat halber mit Sämtl. Löbl. Bürgerschafft wegen guder Ordnung halber, so wie es in unsern benachbaaren Ortschaften dem Vernehmen nach gehalten wirt, von hiesigen Rath-Haus in einer Stillen zufriedenheit, mit einer schwarzen Kleidung in das hiesige gottes Haus zu gehen, und unserm Gott ein wohlgefälliges Danckopfer zu bringen, es wird daher Ew. Löbl. Bürgerschaft sich ¾ auf 8 Uhr in hiesiger Raths Stube einfinden. Was die Weibs Personen an langet, haben sich dieselben in Kleidung wie an einem Bußtag und wo Möglich Moiret Schortz an zu kleiden.

allen gast Wirthen Bier und Brandwein Schencken wird bey 5 Thlr. Straffe untersaget diesen Sontag und Friedens Fest keine Gäste zu setzen noch weniger Lustbarkeiten zu verstatten, so auch sämtl. Bürgerschafft untersaget wirt, sondern sich in ihren Häusern ruhig mit Beten und Singen Behelffen. Wornach sich genau zu achten.

Sig. Schlettau den 5. Juny 1779.

Bürgermeister und Rath allda
Adam Heinrich Hempel,
Bürgermeister.“

Bei Gelegenheit des Friedensfestes wurde auch im ganzen Lande eine Collekte gesammelt, aus deren Erträgnissen die durch Plünderung und Erpressung Geschädigten Rückerstattungen erhielten.

So endete der Bayrische Erbfolgekrieg, der für unsere Gegend zwar keine anmerkenswerten Kämpfe und kriegerische Explosionen brachte, der aber Tage der Aufregung und des Bangens genug über den erzgebirgischen Kreis ziehen sah.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 6 v. 24. Februar 1927, S. 6 – 8.