Schlettauer Stammtische

Plauderei von Fridolin Durstig-Schlettau.

Mich fragte kürzlich einer, was eigentlich ein Stammtisch sei. Dem hab ich die Erklärung wiederholt, die ich früher einmal in einer launigen Abhandlung gelesen hatte und die ich recht zutreffend fand. „Ein Stammtisch ist, wenn sich an bestimmten Tagen (hier und da auch an allen Tagen) und zu bestimmten Stunden in einem bestimmten Lokale bei einem bestimmten Trunke bestimmte Leute treffen und bestimmte Gespräche führen“. Stimmt das oder stimmt das nicht? Man muß es lebhaft bedauern, daß die herzlose Zeit, die uns soviel von der Poesie des Lebens genommen hat, auch die Romantik des Stammtischlebens so arg beschnitten hat. Vor dem Kriege (Fluch denen, die die leidige Redewendung: „Vor dem Kriege“ geprägt haben) hatte wohl jeder Ort einen oder auch mehrere solcher Stammtische, an denen sich fröhliche Kneipgesellschaften gebildet hatten, die beinahe mit astronomischer Pünktlichkeit ihre Sitzungen eröffneten — nicht immer aber mit derselben Präzisigkeit beendeten. Echte Stammtischritter wußten wohl ihren Ausgang genau, aber ihren Heimgang konnten sie meist nicht vorher mathematisch festlegen. Das richtete sich eben immer nach den bestimmten Gesprächen und nach dem bestimmten Trunke, der an bestimmten Tagen eine ganz bestimmte Vorzüglichkeit aufwies und dann eine unbestimmte Ausdauer der Stammtischgäste verursachen konnte.

Wir hatten in Schlettau „vor dem Kriege“ auch solche Stammtische. Solche kleine Tischgemeinden, in denen bei einem Glase Bier (ein Schnäpschen vorher oder zwischenhinein durfte nicht fehlen) über den Lauf der Zeit „gestrieten“ wurde, wo vor allen Dingen auch die hohe Lokalpolitik gemacht, wo hin und wieder aber auch allerhand Verulkungen und Streiche ausgeheckt wurden. Solche Stammtische gehören seit alter Zeit zu den Kennzeichen deutscher Geselligkeit. Hier versammelten sich regelmäßig die alten Originale der Stadt, von denen man heute noch mit einer gewissen Es-war-einmal-Stimmung erzählt, und die bis auf wenige Greise der Vorzeit längst zu besseren Gefilden eingegangen sind. Da leuchten die Augen der Ueberlebenden, wenn solche Stammtischerinnerungen aufgetischt, wenn die alten, trunkfesten Kneipgesellen wieder in die Erinnerung treten und dort lebendig werden.

Ein solcher fideler Stammtisch existierte einstmals beim Hartmann-Fried. Die alte traute Kneipe am Eingange links zur Elterleiner Straße ist seit Jahren eingegangen. Wo einst die Gläser klirrten, dort klappern heute die Schreibmaschinen. Die Schankräume haben Büroräumen Platz machen müssen und nichts zeugt mehr davon, daß hier einst in besseren Zeiten ein sonnenfrohes Geschlecht des Tages leichte Wolken durch einen frohgemuten Biertischidealismus zu bannen wußte. Hier erzählte Vogel-Lobegott seine Münchhausiaden aus dem siebziger Kriege, bei denen allen die Haare zu Berge standen. Wie er den Franktirärsch beim Schlafittchen kriegte, in die Luft schleuderte und mit den Worten schloß, die längst in Schlettau zu einem geflügelten Worte geworden sind: „Und weit in der Wies´ ging er nieder!“ Hier wußte auch der erst kürzlich selig heimgegangene Schwalb-Louis die Stammtischgemeinde mit seinen Kriegserinnerungen zu unterhalten, die an das Unglaubhafte grenzten, aber von keinem in der Tafelrunde in Zweifel gezogen wurden. Bei den verwegenen Unternehmungen, die er mit seinem Leutnant machte, mit dem er per Du stand, mögen sie manchmal in eine recht kritische Situation hineingeraten sein, und wenn der Schwalb nicht noch rechtzeitig gewarnt hätte: „Herr Leutnant, wir sind malärisch!“, dann hätten beide wohl nie wieder deutschen Boden betreten.

Es ist doch eigenartig, daß die alten Originale nur einmal gelebt haben. Sie sind nach und nach samt und sonders ausgestorben und haben bedauerlicherweise für keinen Nachwuchs gesorgt. So sind die Stammtische verwaist, und man kann auch unserer Zeit den Vorwurf nicht ersparen, daß sie in ihrem Schoße ganz und gar die Kunst verlernt hat, Originale zu gebären. Originale gedeihen nur im Sonnenschein einer behäbigen Lebensweise. In kritischen wirtschaftlichen Zeiten, wo das Barometer immer auf „Veränderlich“ steht oder gar nach „Sturm“ neigt, verkümmert jegliche gesellige Urwüchsigkeit, die gerade an Stammtischen ihre prächtigsten Blüten trieb.

Ein solcher urfideler Stammtisch bestand nun früher auch im „Gasthof“, wie man den „Goldnen Bock“ kurz und bündig zu bezeichnen pflegte. Hier an diesem Stammtisch hat der Fritzsch-Kantor seine schönsten Weisen gesungen. Zu ihm gesellten sich noch andere prominente Personen aus der Landwirtschaft, und wenn der Fritzsch-Kantor da war, da gabs auch Lust und Laune. Da brauchte nur noch der alte Schmiedel-Fleischer da zu sein und der Bock-Clemens, und dann war der Ausbund los. Was hier an tollen Späßen, die beinahe manchmal an das Niederträchtige grenzten, ausgesonnen worden ist, das sträubt sich die Feder niederzuschreiben. Aber, wir habens erlebt, und es war schön!

Beim Kunzmann-Karl war früher regelmäßig Dienstags in den zeitigen Abendstunden Stammtischrunde. Da gabs „Stich“, der die Leckermäuler anzog und dessen Vorzüglichkeit das bescheidene Wirtshaus „Zur Bleibe“ mit einer gewissen Berühmtheit umgeben hatte. Hier konnte man den Greifenhagen-Hermann treffen und den Starke-Reinhard und manch anderen lustigen Tischgesellen. Da wurde „gestrieten“ und zwischen hinein auch mal eine Lüg´ erzählt, die aber so ernsthaft vorgetragen wurde, daß keiner den leisesten Zweifel vorzubringen wagte. Der Stich ist beim Kunzmann-Karl auch heute noch vorzüglich, aber ein Stichstammtisch, wie er früher dort bestand, hat noch nicht wieder aufleben wollen.

Beim Donath auf dem Bahnhof und auch noch später beim Wiltzsch-Moritz wurde die Stammtischsitzung mit militärischer Pünktlichkeit Sonntags nachmittags ¾4 Uhr eröffnet. Ja, da gabs noch das süffige Liebotschauer, wo das Glas 20, später 22 Pfg. kostete. Da stellten die alten trinkfesten Herren ihren Mann. Hier wurde die ganze große und kleine Politik durchgehechelt. Das war eine Kannegießerei, daß es einem manchmal grün und blau vor den Augen wurde. Der alte Göbel aus Walthersdorf ließ seine Schnupftabakdose kreisen, während er selbst mit gesegnetem Appetit eine Büchse Oelsardinen seinem besseren Ich einverleibte. Der alte Pilz-Vater führte das Wort, Schwipper-Eduard und Günther-Edmund und Gerold-August — soll ich noch andere nennen? — gaben auch ihren Teil dazu, und wenn es gerade einmal so paßte, dann löste sich dort die Stammtischsitzung in einen urgemütlichen Doppelkopp auf, der — man muß einen mitgespielt haben — zu den verwegensten Unternehmungen obererzgebirgischer Biergemütlichkeit zu rechnen war. Man brauchte ja ein besonderes Lexikon, um die Kosenamen alle zu verstehen, mit denen der urwüchsige Edmund seine Mitspieler auszeichnete. Und die „Wanzen“ am Tische! Ja, da war noch ein anderer Zusammenhalt im Städtel, das war wirklich noch ein Stückchen gute alte Zeit.

Eine etwas ungewöhnliche Zeit zur Stammtischsitzung hatten sich ehemals die Honoratioren der Stadt festgelegt. Sie tagten im „Schimmel“ Sonntag nach Tische von ½1 Uhr bis um 2, und wenn es draußen regnete oder stürmte und schneite, dann ging es auch einmal ein Stück länger in den Nachmittag hinein. Die Akademiker, die Stadträte, verschiedene Fabrikanten und Beamte kamen beim Schreiter-Albin im Salon zusammen, um sich über allerlei Tagesfragen und ihre Lösung zu unterhalten. Besonders kluge Leute in der Stadt wollten wissen, daß hier ein gut Stück Lokalpolitik gemacht würde. Weit gefehlt! An dieser feuchtfröhlichen Tafelrunde führte auch die Heiterkeit das Szepter, und die Unterhaltung floß, als ob man sich jahrelang nicht gesehen hätte. Stockte einmal die Unterhaltung, dann verkrümelte sich der Lehm-Albert ans Klavier, oder es setzte sich ein anderer tastenkundiger Herr an die Drahtkommode und spielte sein Leib- und Magenlied, den Pilgerchor aus „Tannhäuser“ oder die berühmte Gavotte, zu deren Vortrag sich der fingerfertige Herr von der andern Fakultät allerdings immer erst nach dem dringlichsten Ersuchen verstehen konnte.

O, es ist ein wahres Wort, was unser treuherziger Petersiliengroßhändler geprägt hat: „In der kleensten Kneipe is es scheener als derheeme, wenn Stunk is!“ Gutgeleitete Stammtische sind früher wirklich Erholungsstätten nach Tages- und Wochenlast gewesen. Hier fand der von Arbeit Ueberbürdete die wohltuende Erfrischung, die Sorgen des Geschäfts und des Berufs wurden hinweggespült, und als homo redivivus kehrte so mancher von der Stammtischsitzung nach Hause zurück, der mit Falten in der Stirn und mit zerknittertem Herzen den Stammtisch aufgesucht hatte.

Ein Stammtischleben ist es eigentlich auch, das sich heute noch Donnerstags „hinten“ beim Beyer-Louis entwickelt und abspielt. Zwar steht auf dem offiziellen Programm „Singstunde des Männergesangvereins Liederkranz“, aber das Singen ist in diesem Falle doch wohl nur Mittel zum Zweck, ohne daß ich dabei auch nur den leisesten Zweifel in den künstlerischen Drang des einzelnen Mitgliedes zu setzen wage. Die Hauptsache ist, daß sich hier gleichgesinnte und gleichgestimmte Seelen treffen und nach Herzenslust ausplaudern, und dann zwischen hinein einmal ein Lied, das gibt der Tischgemeinde Stimmung und inneren Halt.

Während der Inflationszeit und auch noch in der ersten Zeit der Wertbeständigkeit tagte im Ratskeller „die Börse“. Es war ein Frühschoppenstammtisch, zu dem sich die Vertreter der verschiedensten Interessenkreise zusammenfanden, um über der Zeiten Nöte und Freuden ihre Gedanken auszutauschen.

Der ulkigste Schlettauer Stammtisch aber war die Pommeranzia. Es ist ewig schade, daß auch dieser Stammtisch der Not der Zeit zum Opfer gefallen ist. Aber die Pommeranzia wird und muß wieder auferstehen; denn es war nicht nur eine lustige Kneipgesellschaft, die sich Sonnabends nach 6 Uhr — ursprünglich bei Hartmann, später beim Viertel-Pastor — vereinigte, es wurde auch die Wohltätigkeit geübt, und jedes Jahr konnte die Pommeranzia zu Ostern eine Reihe von Konfirmanden ausstatten helfen. Wer in diese Tafelrunde aufgenommen werden wollte, der mußte sich einem höchst feierlichen Zeremoniell unterwerfen. Er bekam den alten, beinahe tausendjährigen Zylinderhut auf die Stirn gedrückt, wurde mit einer schweren eisernen Kette an den Stuhl gefesselt, und der kostbare, juwelengeschmückte Ring — es soll einer von den drei berühmten Ringen des Boccaccio gewesen sein — wurde ihm an den Finger gesteckt, und dann mußte er den Beweis liefern, daß er 7 Minuten „das Maul halten konnte“. Hatte er die Probe bestanden, dann erfolgte die Einführung in den launigen Stammtisch. In wohlgesetzter, kühner Rede verpflichtete der Meister vom Tisch, Herr Baumeister Bruno Vogelsang, das neue Stammtischmitglied, die Statuten wurden verlesen, worauf die Einzeichnung in die Mitgliederliste erfolgte. Der Neuaufgenommene hatte sodann eine Laterne zu stiften, die mit Cognak gefüllt ein paarmal die Runde machte an der Tafel, wo nun im weiteren Verlauf der Sitzung die verwegensten Probleme besprochen und ernsthaft diskutiert wurde. Um den Uneingeweihten einen Einblick in den Betrieb der Pommeranzia zu gewähren, wird es das Beste sein, wenn ich eins von den Protokollen hierher setze, die in geradezu klassischem Biertischhumor der langjährige Schriftführer Emil Starke verfaßt hat. Ueber die Sitzung vom 5. Februar 1910 ist folgendes Protokoll ergangen:

„Infolge enormen Ansturmes mußte am 5. d. M. Sonnabend einberufen und eine außergewöhnliche Plenarsitzung abgehalten werden.

Dieselbe war, wie bereits erwähnt, sehr zahlreich besucht und von ca. 6 Mitglieder beehrt worden. Nach Eröffnung und Begrüßung der Abgeordneten verkündete der Herr Vorstand die Anwesenheit eines sehr hohen Gastes, wovon sich die Mitglieder überzeugten und ihn durch den Herrn Vorsteher herzlich willkommen hießen.

Der Herr Gast, welcher ein weitläufiger Verwandter unseres verehrten Herrn Kamelkleisters ist und von dessen Mutter stammt, ist Herr Reichsbank- und Finanzminister aus Werdau, der von dem Wirken unseres Vereins durch die Zeitungsorgane in Kenntnis gesetzt und darauf der Pommeranzia einen Besuch abzustatten die Ehre gab.

Von der Einrichtung des Vereins, der praktischen Handhabung der Geschäfte sehr ergriffen, zumal über die in allen Punkten sinnigen Statuten, nach deren Verlesung er nicht mehr seiner Herr war und sich dann als Mitglied anmeldete.

Unter feierlicher Zeremonie wurde die Aufnahme vollzogen und ihm die Nummer 46 ausgehändigt.

Ganz besondere Aufmerksamkeiten und Dank erwies man dem neuen Mitglied für sein anständiges Benehmen, das entgegen anderen sehr auffiel, denen der Kassierer erst eigenhändig die Steuern aus der Tasche ziehen mußte. Die ihm zur Pflicht gemachten Monatsbeiträge bezahlte das neue Mitglied auf ein volles Jahr voraus, was auch niemand anders erwartet hatte.

Der Verein beschloß darauf, Herrn Reichsbank- und Finanzminister zum außergewöhnlichen Mitglied zu ernennen in der Erwartung, daß er immer seinen finanziellen Verpflichtungen pünktlich nachkommen werde.

Leider konnte er aber nur kurze Zeit unter uns weilen, da er bereits ¾10 Uhr nach Oberwiesenthal weiterfahren mußte, um auf dem Fichtelberg für reine Luft zu sorgen.

Man ersuchte ihn, eine gute Reise sich aneignen zu wollen, mit dem Wunsche auf ein baldiges Wiedersehen, worauf er verschied.“

Vielleicht bringt das Heimatfest wieder die Poesie und Romantik des Stammtischlebens zurück, und dann wird sicherlich auch die Pommeranzia ihre Auferstehung feiern.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 9 v. 18. Mai 1927, S. 8 – 10.