Unsere Rote Pfütze

Von Lehrer H. Dietrich.

„Willst Du in die Ferne schweifen? — Sieh, das Gute liegt so nah!“ Man möchte dieses Goethewort all denen zurufen, die da mit sehenden Augen durch ihre Heimat laufen und, achtlos und gedankenlos, nichts gewahr werden von ihren Reizen! — „Rote Pfütze“ — das klingt nun zwar nicht gerade sehr poetisch und offenbart noch nichts von Schönheit! Doch wer sich einen Blick bewahrt hat für Idylle und trauliche Winkel der heimischen Natur und mit solchen naturfrohen Augen das Tal unseres Flüßchens entlangwandert, der wird bald einsehen, wie unrecht man dem geschäftigen Wässerlein getan, indem man es abfällig eine Pfütze nannte! Oder wäre unser erstes Bildchen nicht schon überaus malerisch? Mutet es nicht an wie eine Spreewaldlandschaft in Miniatur, wenn man den im Bilde wiedergegebenen Weg zwischen unserer „Pfütze“ und dem Naumanngraben, am Lehmschen Grundstück vorbei, dahinschlendert, wo Meister Zaunkönig in Sommerhitze und Winterkälte sein lustiges Liedchen schmettert, begleitet vom ewigen Gemurmel des Wassers? Freundlich grüßen uns aus üppigem Grün hervor die Häuser der Bins! Das einzige Idyll ist dies aber bei weitem nicht — wir werden auf einem Spaziergange, das Tal entlang, noch manches Fleckchen treffen, das da verdient, auf die Platte gebannt zu werden!
1. Bild. Die Rote Pfütze bei Widar Lehm.

Schneller geht solche Talpartie freilich als eine Rheinreise! Ist doch unser Binsstrom nur ganze 12 Kilometer lang. Mißt man nun gar die Luftlinie von der Quelle bis zu der Mündung, so erhält man nur 8 Kilometer, was bei den zahlreichen Windungen des Flusses nicht zu verwundern ist. Wem wären nicht schon die geradezu grotesken Schleifen aufgefallen, in denen das Wasser wieder umzukehren scheint und die verworrensten Achten beschreibt! Ihren Ursprung hat unsere Pfütze, wie vor Jahren sogar einmal durch gerichtliche Entscheidung bestätigt wurde, auf den sogenannten „Oberen Kutten“ im Elterleiner Forst zwischen der Elterlein – Geyerschen und der Geyer – Zwönitzer Straße. Ueber den Namen „Kutten“ hört man die verschiedensten Deutungsversuche. Möglicherweise ist es ein Fachausdruck aus der Bergmannssprache. Von dort eilt das Wässerlein dem Geyerschen Teiche zu. In diesem Teiche tritt es auch in Verbindung mit seinem Nachbar Schwarzbach, von dem es sonst durch einen an dieser Stelle ziemlich niedrigen Höhenrücken als Wasserscheide getrennt ist. Denn hier, wie schon im Quellgebiet auf den Kutten, scheiden sich die Geister: Hie Vasallen der Zschopau, hie Vasallen der Mulde! In ihrem Oberlaufe führt übrigens unsere „Pfütze“ den weit anständigeren Namen „Wolfersbach“. Munter und geschäftig eilen die Wasser dahin, an der „Finkenburg“ vorbei, in ungefähr 600 Meter Meereshöhe über die Schlettau – Elterleiner Straße, ums Stockholz herum, der „Muhme“ zu! Wenn man bedenkt, daß die Quelle rund 700 Meter (genau 697 Meter) über dem Meere liegt, die Mündung zu Füßen des Schlettauer Schlosses jedoch nur rund 550 Meter (genau 549,6 Meter), so begreift man, warum das Gewässer solche Eile hat. Die 150 Meter Gefälle (genau 147,4 Meter) machen sich eben bemerkbar. (Bei zahlreichen Messungen der Stromgeschwindigkeit erhielt ich als runden Durchschnittswert für die ganze Strecke ca. 1200 bis 1400 Meter pro Stunde.) Was die Flußrichtung anbelangt, so hat unsere Rote Pfütze ihren Kopf für sich: Während nämlich die meisten unserer Erzgebirgsflüsse nordwärts eilen, fließt sie nach Süden, der Zschopau ungefähr entgegen, von der sie durch einen Höhenrücken getrennt wird, dessen markantester Punkt sicher in der Nähe Schlettaus der Arztknochen bildet. Erst am Stockholz bequemt sich unser Flüßchen, eine östliche Richtung einzuschlagen. Forscht man nach den Gesteinen, welche im besprochenen Flußgebiete die Heimatscholle aufbauen und auch die Rote Pfütze auf ihrem altersgrauen Rücken tragen, so macht man die Beobachtung, daß sich unser Flußtal ungefähr auf dem Grenzgebiet zwischen dem Gneis und dem schwerer verwitternden Glimmerschiefer dahinzieht. Es muß nämlich berichtet werden, daß unsere Schlettauer Heimatflur auf einer riesigen Kuppel aus Gneis ruht, und daß wir uns hier am Südwestabhange dieser Kuppel befinden, deren Hauptorte Annaberg und Marienberg sind. Gleichsam wie von einem mächtigen Kragen ist diese Gneiskuppel von Glimmerschiefer umgeben. Beide Gesteine, Gneis wie Glimmerschiefer, sind gar alte Knaben. Sie stammen, wie bereits früher schon einmal erwähnt wurde (Jahrg. I, 9) aus der allergrauesten Urzeit unserer Erde und sind ein Teil der ältesten Erstarrungskruste unseres Planeten, woraus auch hervorgeht, daß unser Gebirge zu den ältesten der Erde gehört. In Rissen und Spalten dieses ersten Erdmantels drang dann übrigens auch glutflüssiges Erdinneres empor und verhärtete sich zu Granit, wie er in vereinzelten Gängen auch in der Nähe der Roten Pfütze angetroffen wird. Ungefähr in der Grenzzone also zwischen den beiden Urzeitgesteinen, teilweise auf dem hellen Muskovit-Glimmerschiefer — im Stockholz schiebt sich übrigens auch der Augengneis dicht an den Fluß heran — hat nun viele Jahrhunderttausende später, in der jüngsten Vergangenheit oder „Alluvium“, die Rote Pfütze ihr Tal und Bett gebaut. Und fleißig ist sie gewesen, das muß man ihr lassen! Eifrig hat sie der alten Weisheit zum Siege verholfen, daß steter Tropfen den Stein höhlt. Denn riesige Mengen von Geröll, Kies und sandigem Aulehm in dicken Schichten hat sie von dem umgebenden Gestein abgenagt, in stummer, wühlender Arbeit durch die Jahrtausende! Verborgen unter dem heutigen Schwemmland, welches so das Tal gebildet hat, ruht drunter die alte Erdkruste. Flach und sanft nur geböscht erheben sich die Ufergehänge, die nur am Grünen Zweig eine auffällige Steilheit annehmen, aber sonst dem ganzen Tale mehr das Gepräge einer leichten Mulde verleihen. Außer dem Flußkies und dem fruchtbaren Aulehm in der Talsohle bedeckt die Hänge meist der sogenannte geneigte Wiesenlehm, der meist von toniger Beschaffenheit ist. Mischt er sich mit dem Aulehm, so entstehen wasserundurchlässige Schichten, auf denen sich das Wasser staut, und denen die zahlreichen Moore und Torfstiche unseres Flußtales ihre Entstehung verdanken. Im oberen und unteren Brünlasmoore erreichen dieselben wohl ihre größte Ausdehnung. Dem Naturfreund können sie mit ihrer stillen Schönheit viel Interessantes bieten. (Jahrg. I, 3.) Hier über diesen wollgrasbedeckten Flächen balzen im Mai die „Bekassinen“ oder „Himmelsziegen“ mit meckerndem Flügelschlag. Einsam steht der Fischreiher, nach Beute spähend, während hoch droben der Habicht seine Kreise zieht. — Trotz seiner Kleinheit hat aber unser stilles Tal große Tage gesehen: Wandern wir durch die üppigen Wiesen, auf denen manche Orchidee, Sumpfherzblatt und Fieberklee blühen, und zwischen denen Schwarz- und Grauerlen das Silberband des Wassers begleiten, so gelangen wir auch zum Ullrichwäldchen. Dort gähnt uns zwischen einem Gewirr von Brennesseln, Wiesenknöterich und Königskerzen ein altes Stollenmundloch entgegen. Das alte Berggebäude zum Grünen Zweig ist es, in welchem fleißige Hände eifrig und äußerst erfolgreich nach Kobaltsilbererz schürften. (Jahrg. I, 10.) Mit dem glutflüssigen Erdinnern, welches zu verschiedenen Zeiten alte Erdrisse ausfüllten, kamen auch hier am steilen Talgehänge Erzdämpfe mit empor. — Der malerischste Anblick dieser bedeutsamen Gegend bietet sich dem Beschauer vom Löfflerweg aus, wie es das zweite, wohlgelungene Bild zeigt. Die große „Weberhalde“ rechts vom Krummen Weg und im Hintergrunde des Bildes, thront dann über dem Ganzen als Zeuge des alten Bergfleißes. Klettert man von der Weberhalde hinab zum Ufer, so stößt man noch auf den alten Kunstgraben des ehemaligen Kunstgezeuges, der sich, jetzt trocken, an einer kleinen Halde vorüber, längs des Abhanges zur Roten Pfütze hinzieht.

2. Bild. Der Grüne Zweig

Mit dem Erzvorkommen in unserem Tale dürfte vielleicht auch die ziemlich undurchsichtige Bezeichnung „Rote“ Pfütze in Zusammenhang stehen. Wie bereits ausgeführt wurde (Jahrg. II, 1), sind manche Forscher geneigt, das „rot“ auf Goldfunde zurückzuführen. Allerdings ist ja in früherer Zeit in manchem deutschen Flusse Gold gefunden worden. Aehnlich den in zahlreichen unserer Gebirgsbäche auftretenden Zinnseifen könnte nun auch Gold in Seifenform vorgekommen sein, zumal ja auch Quarzgänge, an deren Auftreten das Vorhandensein von Gold andererorts häufig gebunden ist, bei uns beobachtet werden. Immerhin müßte es sich dabei sicherlich um sehr geringe Mengen des Edelmetalls gehandelt haben, und die mineralogischen Untersuchungen unserer engeren Heimat haben meines Wissens darüber nichts Positives gezeitigt. Etwas begründeter scheint mir daher die Annahme, das „rot“ in Verbindung zu bringen mit der rötlichen oder gelben Färbung, welche eisenhaltige Schwemmstoffe zuweilen dem Wasser der Bäche und Flüsse verleihen, eine Beobachtung, die wir im kleinen beispielsweise oft an den Pfützen und Lachen nahe der Obererzgeb. Maschinenfabrik machen können. — Aus Richtung Walthersdorf kommend, zieht sich nun auch (ein Stück am Talgehänge der Roten Pfütze entlang, über das Ziegelvorwerk und die Rote Mühle nach Elterlein zu) ein stark eisenerzhaltiger Quarzgang, der auch bei Elterlein in der Grube „Mondenschein“ abgebaut wurde. Vielleicht berechtigt diese Tatsache, auf das Vorhandensein eisenrosthaltiger Schwemmstoffe im Wasser der Roten Pfütze zu schließen. —

Der unermüdlich auf Bezwingung und Ausbeutung der Naturkräfte bedachte Menschengeist hat auch unseren geschwätzigen Fluß in seinen Dienst gestellt, hat sich bei ihm auch mit seinen Erwartungen nicht betrogen: Biegen wir mit dem Laufe des Wassers ums Stockholz herum und durchqueren die freundlichen Götzgüter, so verraten uns Mühlsteine und ein rauschender Mühlenbach, daß hier ein Mühlrad an unser Flüßchen gespannt wurde, die „Götzmühle“, eine Mahl- und Knochenmühle. — Schlendern wir weiter der „Muhme“ zu, so blinkt bald aus einem Schilfwalde ein Teichspiegel hervor. Er gehörte zur „Waldmühle“, die vor Jahrzehnten einem Schadenfeuer zum Opfer fiel. Der ziemlich lange, bis zu den Götzgütern führende Mühlgraben, das Gemäuer der ehem. Radstube, und ein Schuppen sind die noch vorhandenen Ueberreste des einst stattlichen, 2stöckig. Mühlenbetriebes, in welchem zu verschiedenen Zeiten Leinöl und hölzerne Spunte, ganz früher wohl auch einmal Papier hergestellt wurden. — Gegenüber vom Grünen Zweig beginnt ein alter Betriebsgraben, der ehedem des Schlettauer Rats „Obermühle“, später Liebschtmühle, speiste, die an der Stelle der heutigen Löffler u. Bodenburg-Fabrik stand, welcher besagter Graben noch heute Wasserkraft liefert. Mit dem Turm von St. Ullrich im Hintergrund zeigt das dritte Bild die erwähnte Fabrikanlage. —
3. Bild. Löffler & Bodenburg (ehemal. Liebschtmühle)

In den Löfflergraben ergießt sich brausend der unterirdische Abfluß des höher gelegenen Greifenhagengrabens. Erst durch den weit über 10 Meter tiefen Sturz vom Ende dieses letzteren, 1911/12 erbauten Grabens hinab in den Löfflergraben erhält das Wasser, welches auch draußen in den Götzgütern der Roten Pfütze entnommen wird, die zum Betrieb der Turbine nötige lebendige Kraft. Denn der ganze Greifenhagengraben hat bei einer Länge von 4 Kilometern nur ein Gefälle von kaum einem halben Meter! Fast horizontal schleichen seine Fluten in einer Meereshöhe von 580 Metern dahin. Und doch gehört ein Spaziergang am Sommerabend an seinem Ufer entlang zu den lohnendsten Wanderungen! Haben wir die Kiefernanpflanzungen bei der Büttelwiese hinter uns, so tritt der Stadtwald dicht an die Ufer heran, und die hohen Fichten spiegeln sich in dem dunklen, beinahe stillstehenden Wasser. Feierlich flötet in den Wipfeln das Rotkehlchen. Schattengleich huschen Libellen über die Flut, oder Köcherfliegen, deren Larven sich unten auf dem Grabengrunde kleine kunstvolle Röhrchenhäuschen aus Sand und Holzstückchen kitten. Aus dem klaren Wasser schimmert der dunkelgrüne Wald der Wasserpest herauf, und auf der Fläche schwimmt das Laichkraut. Tiefe Stille umgibt uns hier und läßt uns nichts spüren von der Betriebsamkeit der Welt da draußen mit ihrer ruhelosen Hast! Wird man nicht auch hier an Spreewaldbilder erinnert? (4. Bildchen.)

4. Bild. Am Greifenhagen-Graben.

Doch zurück zu den Stätten der Arbeit! — Beim Schützenhaus zweigt ein weiterer Betriebsgraben ab, der schon eine lange Vergangenheit haben dürfte: Es ist der sogenannte „Naumanngraben“. Er endet bekanntlich im Schlettauer Schloß, welches in verklungenen Zeiten an Stelle der heutigen Kontorräume der Maschinenfabrik auch eine eigene Mühle im Betrieb hatte. — Um die Biographie unseres Binsstromes zu vervollständigen, darf endlich auch nicht verschwiegen werden, zu welch ruhmvoller Bestimmung die Rote Pfütze einst erkoren war, wenigstens im Geiste eines alten Wasserpraktikers. Der Erbauer des Greifenhagengrabens, Bernhard Scheffler, soll nämlich allen Ernstes den Plan erwogen haben, das Tal unseres Flüßchens in eine Talsperre zu verwandeln, und in der Nähe des Grünen Zweigs eine mächtige Staumauer zu errichten. Sicherlich wäre die „Muhme“ dadurch um eine Sehenswürdigkeit bereichert worden, könnte sich am Ende vielleicht gar heute eines eigenen Kraftwerkes erfreuen! Leider sind sie gründlich eingestürzt, diese Luftschlösser! Auch die Freude über die vermeintliche Entdeckung eines zweiten Karlsbader Sprudels beim Bau des Greifenhagengrabens wurde schnell zu Wasser! Denn die „durchschlagende“ Wirkung verübte leider kein Karlsbader Salz, sondern irgend welche boshafte Organismen, winzige Lebewesen! Hat man auch den Gedanken des Talsperrenbaus nicht wieder aufgegriffen, so ist man doch gegenwärtig darüber, eine Wassergenossenschaft zwischen den Anliegern unseres Flusses aus den Gemeinden Elterlein, Hermannsdorf, Scheibenberg und Schlettau zu bilden, welche die Geradelegung der Roten Pfütze von Elterlein bis zur Götzmühle erstrebt. Man hofft dadurch, den Ertrag der sauren Wiesen wesentlich zu verbessern. Selbstverständlich ist dies vom wirtschaftlichen Standpunkte aus zu begrüßen. Der Heimatfreund wird sich aber dennoch nicht verhehlen können, daß vieles vom landschaftlichen Reiz dieser Gegend durch die Regulierung verloren gehen würde! Darum also noch einmal hinaus und genießt die stille Schönheit dieses kleinen Heimattales!

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 2 v. 15. Oktober 1926, S. 1 – 4.