Unsere Stubenvögel

Von Lehrer H. Dietrich.

Vor einigen Jahren traf man auf unserer zu schönem Adventsbrauche gewordenen Schnitzausstellung unter den zahlreichen typischen erzgebirgischen Gestalten, den Bergleuten, Holzmännlein und -weiblein, den Beerensuchern, auch einmal einen Vogelsteller mit all seinem Jagdgerät! Sollte er auch eine spezielle Liebhaberei des Gebirglers versinnbildlichen? Wer kann es wissen? — Wer einmal durch unsere erzgebirgischen Stuben geht, den grüßt in gar mancher von der Wand herab ein zierliches Vogelhaus als Zeuge der Liebe und Zuneigung, die unsere Bevölkerung zu den gefiederten Sängern draußen in Wald und Heide hegt.

Ganz besonderer Beliebtheit als Käfigvogel erfreute sich von alters her, früher anscheinend mehr noch als heute, bei uns der „Grünerts“ oder Kreuzschnabel, wie er eigentlich heißt. Ein recht sonderbarer Geselle ist er mit seinen gekreuzten Schnabelspitzen, mit dem prächtigen Rot im Gefieder der alten Männchen und überhaupt in seiner ganzen Lebensweise. Es braucht uns daher gar nicht zu verwundern, daß sich Volkspoesie und Legende seiner mit besonderer Liebe angenommen haben. Soll er es ja gewesen sein, der den Versuch machte, die Nägel aus den Händen des gekreuzigten Heilands zu ziehen und sich dabei mit dem Blute des Sterbenden bespritzte. Die Kreuzesform des Schnabels und das rote Gefieder sollen ihm zum ewigen Andenken an diese tapfere Tat beschieden worden sein! Erst nach mehrfacher Mauser prangen übrigens die Männchen in der satten, blutroten Färbung, und eine ganze Farbenskala hat bis dahin ihr Gefieder schon durchlaufen, vom schmutzigen Grün übers Hellrot zum Prachtgefieder, welches in Gefangenschaft völlig verloren geht und dann die Männchen den gelbgrauen, gefleckten Weibchen ähnlich macht. Man hat mit Recht die Kreuzschnäbel Zigeuner unter den Vögeln genannt. Wo sie heuer in Massen auftraten, dort bleiben sie dann oft jahrelang aus, um darauf wiederum in Massen zu erscheinen. Sie sind eben in ihrer Lebensweise völlig abhängig von den „Samenjahren“ der Nadelbäume, deren Zapfen sie mit dem gekreuzten Schnabel geschickt entleeren. Um das Bild unseres kuriosen Burschen zu vervollständigen, muß noch erwähnt werden, daß er nicht selten mitten im Winter, im Dezember bis März, seine Eier legt und ausbrütet! Als Brutvogel habe ich den Kreuzschnabel innerhalb unserer Flurgrenzen noch nicht beobachten können, wohl aber habe ich auch in unseren Wäldern schon manchmal mitten in Schwärmen des Rotrocks gestanden, habe sie durchs Gezweig geistern sehen, und ihr melodisches „Gipgip“ hat mir in den Ohren geklungen.

Nicht minder volkstümlich als der Grünerts ist hierzulande auch der „Zässig“ oder Erlenzeisig. Wenn im Herbste ganze Gesellschaften des kleinen, grüngefiederten Vögelchens — die Männchen ziert ein schwarzer Scheitel — durch Unterholz und Buschwerk dahinstieben, so verraten sie sich meist durch gedehnte „dieh“, oder „zieh“-Rufe. Hört man aber dem Kerlchen im Käfig zu, so kann man auch sein zierliches Liedchen vernehmen, welches in einem schwungvollen „didldäätsch“ endet. Ob es freilich unter den Zeisigen wieder einmal einen solchen Sangeskünstler geben wird, wie jener Zeisig, der einer Bäuerin „auf dem Ziegenschachte“ gehörte, deren Haus von den räuberischen Soldaten des Dreißigjährigen Krieges ausgeplündert wurde, ist kaum zu erhoffen. Von diesem Wunderzeisig weiß nämlich Christian Lehmann zu berichten, daß er bei der Rückkehr der geflüchteten Bäuerin gleich den Choral anstimmte: „Aus tiefer Not schrei ich zu dir!“ — Ein Kunststück ist es, dort, wo der Zeisig im Hochwalde als Brutvogel vorkommt, sein Nest im Baumwipfel aufzufinden. Der Volksmund hat freilich hierfür auch seine Erklärung. Man meinte nämlich, das Zeisignest wäre überhaupt ganz unsichtbar; denn der Zeisig lege den Stein der Weisen, jenes allersehnte Kleinod, hinein!

Bei der Durchsicht der Vogelkäfige in unseren Stuben begegnen wir sicherlich auch dem Hänfling, der sich wegen seines weichen, melodischen Gesanges auch großer Beliebtheit als Zimmervogel erfreut. Der kegelförmige Schnabel verrät in ihm gleich den Körnerfresser. Das herrliche Karminrot, welches die Brust des Männchens ziert, geht dem Käfigvogel gänzlich verloren. In Gartenhecken und im Fichtendickicht kommt der Hänfling auch bei uns als Brutvogel vor. Dort kann man im Frühling die Alten eifrig zu Neste tragen sehen und kann ihre klangvollen, gickernden Lockrufe vernehmen.

Wenn im Sommer und Frühherbst schon Abenddämmerung Wald und Flur einzuhüllen beginnt, wenn der Vogelgesang schon verstummt ist, wenn im feuchten Talgrunde nur die Wiesenknarrer noch eintönig rätschen, dann ertönt vom Hochwaldrande, dessen Wipfel allein das Tageslicht noch schauen, glasklar und feierlich ein schlichtes Liedlein herab: Rotkehlchen ist´s, das dort voller Hingebung seine Abendweise singt! Aber auch im schneeichten Winterwalde streicht´s vor uns ab von weißbereifter Fichte und warnt mit lautem Schnirpsen. Unter den Stubenvögeln ist es mit der zutraulichste, und fliegt gar oft frei im Zimmer umher. Wenn es uns dann mit den — wie bei allen Insektenfressern unter den Vögeln — außergewöhnlich großen, schwarzen Augen neugierig anschaut, dann muß ein jeder dem schmucken Tierchen gut sein! Unser Heimatdichter Max Rothe-Buchholz hat in seiner „Rutkat“ den Vogelkäfig mit dem Rotkehlchen mit poetischem Glanze umwoben.

Als ein gewisser Ersatz für die bei uns im Gebirge fehlende Nachtigall könnte vielleicht die Gartengrasmücke gelten, die sich durch ihr schlichtgefärbtes Gefieder im dichten Gebüsch leicht dem Auge des Beobachters entzieht. Wo sie ihren herrlichen, volltönigen Gesang, der einem hastig vorgetragenen Amselliede oft nicht unähnlich ist, nicht sogleich erschallen läßt, macht sie sich sicher durch ihren Lock- und Warnruf bemerkbar, der klingt, als schlüge jemand zwei Kieselsteine zusammen. Man trifft diesen „Grauschlüpfer“ zuweilen auch gekäfigt an.

Freilich, was ist das Lied der Gartengrasmücke gegen den kraftvollen Gesang ihres Vetters Plattmönch oder Mönchsgrasmücke, mit dem schwarzen Scheitel, die aber bei uns recht, recht selten ist. Mancher Vogelfreund zahlt auch bei uns einen hohen Preis für ein Hähnchen dieser Art, welches recht fein den „Ueberschlag“ zu singen vermag, d. h. den ganz unvermittelten Uebergang vom leise stammelnden Gesangsteil zu lauten, weithin schallenden Flötentönen! Juni 1926 habe ich wieder einmal im Stadtwald einen prächtig singenden Plattmönch gehört; vermutlich war es ein vagabundierender Junggeselle.

Mit den Vorboten des Winters kommt auch allerlei fahrendes Federvolk in unsere Gemarkungen, Bewohner des fernen Nordens und Ostens, denen es daheim zu kalt geworden ist. Neben den prächtigen Seidenschwänzen und den großen Scharen stattlicher Bergfinken, sind es auch zahlreiche Gimpel mit weithin leuchtender zinnoberroter Brust und klobigem schwarzem Schnabel. Von diesen schmucken Wanderern macht dann so mancher dem berühmten Sprichwort alle Ehre und geht ordentlich „auf den Leim“! Die hellen Pfeiftöne, mit denen sich die Tiere locken, lassen sich recht gut mit der menschlichen Stimme nachahmen, sonst sind die musikalischen Darbietungen von Freund Dompfaff mäßig.

Ab und zu sitzt in einem Vogelhaus auch einmal eine Zippe, die allbekannte Singdrossel, die mit ihrem „David-David“ auch das reichstbesetzte Vogelkonzert noch übertönt und der Deutlichkeit halber jede ihrer schmetternden Melodien zweimal-zweimal zum Besten gibt!

Wegen ihres drolligen, allzeit lustigen Wesens, hat man zuweilen auch eine Kohlmeise im Käfig, den man oft mit allerlei Turngeräten ausgestattet hat, auf denen dann das flinke Tierchen herumkobolzt.

Füge ich nun nebenbei noch den zitronenfarbigen Sohn der Kanarischen Inseln hinzu, so hast Du, lieber Leser, ein recht buntfarbiges Völkchen beisammen, welches die erzgebirgische Vogelstube belebt! Abgesehen davon, daß es mit Recht verboten ist, einheimische Singvögel wegzufangen, unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß derjenige, der seine Stubenvögel ordentlich pflegt, an ihnen manche Beobachtung und Studie machen kann, die dem Freilandbeobachter zum mindesten sehr erschwert ist. Aber, und dieses „aber“ ist sehr groß zu schreiben, die freie Natur, den harzduftenden Forst, die sonnendurchglühte Heide, die tauschimmernde Wiesenflur — auch der beste Pfleger wird sie seinen leichtbeschwingten Gefangenen nicht ersetzen können! Wahr ist es aber sicher, daß in jenen Menschen, die sich einen Vogel zum Hausgenossen erwählen, noch Naturliebe steckt und weit, weit mehr Sinn für das Schöne, als in jenen gewissenlosen Rohlingen, die in sinnloser Zerstörungswut Vogelnester ausnehmen oder mit Astgabel und Schleudergummi den kleinen, gefiederten Freunden nach dem Leben trachten.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 5 v. 15. Januar 1927, S. 10 – 12.