Vom Baume der Pfingsten

Von Lehrer H. Dietrich.

Lenzeshauch atmet wieder die Heimat! — Herrlich offenbart sich von neuem das alte und doch ewig reizvolle Maienwunder! All das geheimnisvolle Leben und Weben in der Natur scheint beseelt von dem Drange zu jenem Höhepunkt der Lebenskraft — zum freudigen Feste der Pfingsten! — Suche Dir ein Sinnbild dieser Frühlingswonne und Pracht: Die schlanke Birke kann Dir´s sein! Wie gleißt ihr Silberstamm im Sonnengeflimmer, wie hebt er scharf sich ab vom dunklen Hintergrunde des Kiefern- und Fichtenhochwaldes! Mag etwas Kerniges und Trotziges in dem stets Sich-Gleichbleiben dieser dunklen Waldriesen liegen — mögen sie zu Ehren des Frühlings weißgelbe Blütenkerzen oder rote Zäpfchen angetan haben — ernst und herb bleibt ihr Reiz gegenüber der jubelnden Farbenfreudigkeit in der Birke sonnigem, lichtgrünem Hochzeitskleid! Sieht es nicht aus, als fügten sich die zarten Rhombenblättchen zu einem feinen, schimmernden Schleier zusammen? Wird der Eindruck des lockeren Fließens und Wogens nicht gesteigert durch die schwankenden, weit herabhängenden Rutenzweige? — Eine der ersten will die Birke sein, dem Frühling zu huldigen! Schon im Herbst finden wir an ihr die nächstjährigen männlichen Blütenkätzchen, und wenn die jungen Blättchen und die weiblichen Blüten gerade eben erst neugierig aus den Knospen lugen, da trägt der frische Wind schon lustig ihren Blütenstaub davon! Wenn am Frühlingsabend die Luft sich abkühlt, wenn Wasserdampf aufsteigt vom Bache, dann strömt die Birke wurzigen Balsamduft aus: Es ist das Harz, das lackartig die zarten Jungblätter überzieht, sie zu schützen vor dem dörrenden Sonnenstrahl! — Und welcher unter den Bäumen könnte sich eines gleich prächtigen Stammes rühmen? Dünn wie Papier ist die blendend weiße Borke, die freilich im fortschreitenden Alter ihre Glätte mehr und mehr verliert und von der darunterliegenden schwarzen Rinde gesprengt wird. Welch malerischen Anblick mögen die ausgedehnten Birkenwälder Nordeuropas gewähren, wo unser schlanker Baum allein ganze Waldbestände bildet. — Trotz ihrer Schönheit und ihres Wertes — Birkenholz und Birkensaft sind ja gleich geschätzt — gehört die Birke zu den bescheidensten und anspruchslosesten Bäumen! Wo die kleinen Früchtchen mit den zwei breiten Schmetterlingsflügeln auf ihrer Luftreise nur immer eine Handbreit Erde finden, da schlagen sie Wurzel — und wenns auf einem Scheunendache ist oder im moderigen Haupte einer alten Weide! — Wie hoch in Gunst die Birke von alters her als Lenzesbote bei der frühlingsfrohen Menschheit, besonders bei den naturliebenden Germanen gestanden hat, das beweisen uns Nachrichten, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Allerorten zogen Zunftgenossen, Bürger oder Gemeindeglieder am 1. Mai oder auch zu Pfingsten hinaus in den wiedererwachenden Wald, die „Pfingsmaien“ feierlich einzuholen, sie daheim vor Haus- oder Stalltür zu pflanzen, als ein Symbol des segenspendenden Wachstumsgeistes! Ein Zeugnis germanischer Gemütstiefe ist auch die schöne Sitte, dem geliebten Mädchen heimlich ein Birkenbäumchen vor das Haus zu stellen. Strohpuppen oder aber dürre Bäume prangen vor eines Mägdleins Tür, deren Keuschheit und sittsamer Lebenswandel einen Makel hatte! Außer den einzelnen Pfingstmaien für die Häuser pflegte man in vielen deutschen Gegenden auch noch einen öffentlichen „Maibaum“ feierlich einzuholen. Man wählte dazu eine recht stattliche Birke, wohl auch einmal eine Tanne, der man nur die obersten Kronenäste beließ. Mit bunten Bändern und Tüchern, auch oft mit Würsten behängt, wurde dieser Maibaum inmitten des Ortes aufgerichtet. Es galt, ihn scharf gegen die Diebeslust der Nachbargemeinden zu bewachen, die einen gestohlenen Maibaum nur gegen ein hohes Lösegeld herausgaben! Den Gipfelpunkt der Freude bedeutete es, wenn die jungen Burschen den hohen Stamm erkletterten, um sich ihre Gaben herunterzuholen! Ein allgemeiner Reigentanz um den lieben Maibaum beschloß dann meist das Fest. —

In unserem Erzgebirge ist zwar die Sitte des geschmückten Maibaumes nicht heimisch, aber alljährlich trifft man Bauernwagen, schwerbeladen mit grüner Last. Freudig holt man ihn herein ins Haus und Heim und läßt sich Lenzeswonne von ihm ins Stübchen zaubern — vom lieblichen Baume der Pfingsten!

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 9 v. 18. Mai 1927, S. 4 – 5.