Vom Heimatfest

Der Gedanke, ein Heimatfest in Schlettau abzuhalten, ist nicht etwa erst in diesen Tagen entstanden. Es war 1922, nach dem Scheibenberger Stadtjubiläum, als sich in der Bahnhofswirtschaft ein großer Kreis Schlettauer Bürger und Bürgerinnen zu dem kühnen Entschluß aufraffte, unverzüglich an die Vorarbeiten zu einem Schlettauer Heimatfest heranzutreten. Die Wogen der Begeisterung gingen damals schon sehr hoch, leider sind dann sehr bald im Gifthauch der Inflationszeit die hochfliegenden Pläne erstickt.

Nun ist der Gedanke von neuem aufgetaucht. Unser verehrtes Stadtoberhaupt, Herr Bürgermeister Schmidt hatte gelegentlich Herrn Schuldirektor Thomas anheimgegeben, einen Plan für ein Heimatfest in Schlettau auszuarbeiten und dann den Gedanken in die breitere Oeffentlichkeit hineinzutragen.

Am 2. Juli hatte dann der Beauftragte die Vorstände der hiesigen Vereine und Vertreter der verschiedenen Fraktionen des Stadtgemeinderates zur wegweisenden Sitzung eingeladen, in der er in längeren Ausführungen den Plan einer solchen Festlichkeit entwickelte.

In der lebhaften Aussprache, die dem Vortrage folgte, ergab sich die grundsätzliche Zustimmung aller Anwesenden zu den gemachten Ausführungen, so daß man beschloß, mit einem diesbezüglichen Gesuche an den Stadtgemeinderat heranzutreten. Es sei hier ausdrücklich betont, daß im Gemeinderate einstimmig die Abhaltung eines Heimatfestes in Schlettau 1926 beschlossen wurde und daß für die Festtage der 10. bis 13. Juli vorgesehen wurden.

Wir brauchen in dieser trübseligen Zeit Gefühlswerte, die in sich die Kraft haben, faltige Stirnen zu glätten und verzagte Herzen zu ermutigen. Wo kriegen wir aber neue Kraft? Im gemütvollen Versenken in den Balsamduft der Heimaterde. Wer das abstreiten will, von dem behaupte ich, daß er ein Griesgram und Nörgler ist, der für die Bedürfnisse unserer Zeit kein Verständnis mehr haben will.

Der Heimatfestgedanke ist sonach nicht etwa der leidigen Vergnügungssucht entstanden; es soll viel, viel höheren Zwecken dienen. Wir wollen uns als Bruder und Schwester bei solchem Fest auf der heimatlichen Scholle wiederfinden und alte Bande der Freundschaft erneuern und neue herzliche Beziehungen zu Landsmann und Landsmännin anknüpfen.

Bei wem fände ein solches Vorhaben nicht freudigen Anklang? Nur versauerte Menschen können hier ohne innere Anteilnahme abseits stehen. Wir aber, die wir auch dem dunkelsten Himmel noch ein Stückchen lichtes Blau abzuringen verstehen, wir wollen uns mit Lust und Liebe und einem unbeugsamen Arbeitswillen in die Vorbereitung des Festes stürzen, von dem wir hoffen wollen, daß es für unsere Stadt ein Ereignis werde, das über Jahre und Jahrzehnte hinaus seine herzerfrischenden Nachwirkungen verspüren läßt.

Ihr lieben Schlettauer werdet alle noch zur Mitarbeit herangezogen werden. Denkt ja nicht, daß die große Sache nur eine Handvoll Leute schmeißen können. Vorläufig sind aber nur erst die Ausschüsse gebildet worden, die ihre Tätigkeit sofort aufnehmen müssen, das sind der Presse-, der Ausstellungs- und der Reklameausschuß. Wer also bis jetzt sein Aemtchen noch nicht hat, der wolle das beileibe nicht als ein Uebergehen seiner Person ansehen. Es kommt schon noch, und dann erwarten wir, daß Ihr alle gern mit Hand anlegt, damit der Wagen, der nun einmal ins Rollen gekommen ist, sicher zum Ziele gelangt.

Damit Ihr aber heute schon seht, in welchen Ausmaßen das Fest gedacht ist, verraten Euch die Heimatblätter den Plan in seinen Grundlinien, so wie er von der Gründungsversammlung gut geheißen und vom Gemeinderat sanktioniert wurde. Kleine Ergänzungen, Erweiterungen ev. aber auch notwendig werdende Abstriche müssen natürlich vorbehalten werden.

Heimatfest und Heimatfahrt Schlettauer Landsmannschaften 10. bis 13. Juli 1926

Sonnabend, den 10. Juli:

  • Empfang der auswärtigen Gäste am Bahnhof
  • Nachmittag 2 Uhr: Eröffnung der Heimat-Ausstellung in der Turnhalle am Schützenhaus.
  • 6 bis 7 Uhr: Abendkonzert auf dem Marktplatze.
  • 8 Uhr: Begrüßungsabend auf beiden Sälen der Stadt.

Sonntag, den 11. Juli:

  • 6 Uhr: Weckruf durch die Stadtkapelle.
  • 7 bis 8 Uhr: Liedervorträge der fünf Gesangvereine auf den Plätzen der Stadt. (Die Plätze werden unter den Gesangvereinen ausgelost.) Programm für dieses Morgenkonzert: „Die Heimat im Liede“.
  • 9 Uhr: Kirchen-Parade. Festgottesdienst. Im Anschluß Gedenkfeier auf dem Friedhof.
  • 11 bis 12 Uhr: Frühschoppenkonzert auf dem Marktplatze. (Stadtkapelle und Schulchor.)
  • 2 Uhr: Großer Festzug (Über den Festzug, der den Glanzpunkt der ganzen Veranstaltung bilden soll, berichten wir ein andermal ausführlicher.)
  • 4 Uhr: Eröffnung des Vergnügungs-Ecks auf den freien Plätzen am Schützenhaus.
  • Ab 4 Uhr: Festball auf beiden Sälen der Stadt.
  • 8 Uhr: Großes Marktfest, Konzert der Stadtkapelle – Massenchöre der Gesangvereine – Allgemeine Gesänge – Reigentänze der Schulmädchen – Turner und Turnerinnen – Marmorgruppen und lebende Bilder – Lichtbilder aus Schlettaus Vergangenheit und Gegenwart.
  • Ab ½10 Uhr: Festliche Illumination der Stadt. Fackelzug der Vereine und Lampionzug der Schuljugend. Im Anschluß: Brillantfeuerwerk auf dem Angerplatz.

Montag, den 12. Juli:

  • Morgenbummel mit den Gästen nach der Finkenburg, der Grundteichschänke, dem Scheibenberg, dem Frohnauer Hammer, dem Nitschhammertal. Führungen im Schloß und Schloßpark.
  • Ab 8 Uhr: Sportliche Veranstaltungen. Preis-Schießen auf den Ständen unserer Schützengesellschaften. Preis-Kegeln auf den Bahnen im „Schützenhaus“ und im „Bock“. Wettkämpfe der Turn- und Sportvereine.
  • 11 bis 12 Uhr: Morgenkonzert im Garten des „Zschopautal“.
  • 12 Uhr: Speisung alter Leute auf Stadtkosten im Saale des „Bock“.
  • ½8 Uhr: Fest-Theater-Vorstellung im „Schützenhaus“.

Dienstag, den 13. Juli:

  • Tagesausflüge mit den Gästen nach dem Pöhlberg und Annaberg, nach dem Bärenstein und Weipert, nach dem Fürstenbrunnen und Schwarzenberg, nach Geyer und der Walthershöhe, nach den Greifensteinen, nach dem Fichtelberg und Oberwiesenthal.
  • 11 bis 12 Uhr: Frühschoppen-Konzert im Garten des „Weißen Roß“.
  • Von 2 Uhr ab: Großes Schul- und Kinderfest am Schützenhaus. – Fortsetzung der Wettkämpfe der Schützen und Kegler.
  • 8 Uhr: Festlicher Einzug der Kinder mit Lampions. Schlußkneipe in den verschiedenen Wirtshäusern der Stadt.

Mit dem Heimatfeste zugleich findet ein Wettbewerb im Fensterschmuck statt. Der Erzgebirgs- und Verschönerungsverein wird eine Reihe von Geldpreisen auswerfen für die während der Festtage am schönsten geschmückten Fenster. Es ist dann auch an eine Schaufenster-Konkurrenz gedacht.

Wir wiederholen auch an dieser Stelle die Bitte, uns umgehend die Adressen auswärtiger Schlettauer möglichst mitzuteilen. Wir wollen mit allen, die hier geboren sind oder hier gewohnt haben, in regen Verkehr treten, damit wir durch unausgesetzte Benachrichtigung bei allen ehemaligen Schlettauern den Anreiz zum Besuch des Heimatfestes immer stärker und unwiderstehlicher machen.

Die Anschriften sind abzugeben beim Vorsitzenden des Presse-Ausschusses: Stadtrat Karl Klubescheidt, Schwarzenberger Straße.

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 1. Jahrgang, Nr. 1 v. 15. September 1925, S. 7 - 8