Vom Heimatfeste

Im Zeichen von Blau-Gelb.

Die blau-gelben Festtage rücken immer näher und näher. Die Stadt Schlettau rüstet sich zum Empfange der zahlreichen Festgäste, von denen schon jetzt viele ihre Anmeldung bewirkt haben. Ueberall in den Landen weit umher geht es an die Reisevorbereitungen; denn zum ersten Schlettauer Heimatfeste werden und müssen alle kommen, die mit der Muhme durch Wiege oder Wohnsitz verwandt sind.

Ich habe die Bürgerschaft noch nie in so fieberhafter Aufregung gesehen. Der Heimatfestgedanke hat alle Kreise der Bevölkerung bis in die letzten Fäserchen des Seins erfaßt und zur Mitarbeit und Opferbereitschaft fähig gemacht. Fast kein Tag vergeht, wo nicht ein oder mehrere Ausschüsse zur Beratung versammelt sind.

Der Reklameausschuß hat die prächtigen Plakate, die ungeteilten Beifall gefunden haben, hinaus in alle Winde getragen. Unsere Autobesitzer stellten bereitwilligst ihre Wagen den Mitgliedern des Ausschusses zur Verfügung, und so war beinahe im Handumdrehen das ganze obere Erzgebirge und die benachbarten Gebiete mit dem Heimatfestplakat übersät. Die entfernteren Gebiete aber sind auf dem Postwege oder gelegentlich durch dienstbereite Herren versorgt worden.

Der Presseausschuß hat das Menschenmöglichste getan, um den Ruf zum Schlettauer Heimatfest in alle Welt hinaus zu tragen. Die meisten deutschen Zeitungen und viele auswärtige Blätter sind bearbeitet worden, selbst in fremde Erdteile, vor allem nach Amerika, sind Hinweise ergangen. Die Einladungen werden in diesen Tagen überall hin ergehen, wo Schlettauer wohnen. Wir hoffen, daß wir nunmehr alle Anschriften der ehemaligen Schlettauer erfaßt haben. Sollten trotz der wiederholten Aufforderung noch nicht alle Adressen abgegeben sein, so wolle man das nunmehr ungesäumt nachholen; eine nochmalige Aufforderung ergeht nicht. Die Adressen sind auf dem Rathaus bei Herrn Stadtobersekretär Petters abzugeben. Der Reklameausschuß hat außerdem Briefbeilagen herausgebracht, die tagtäglich zu Hunderten in den Geschäftsbriefen unserer heimischen Betriebe mit hinausgehen an alle Enden der Welt. Eine Briefverschlußmarke wird ebenfalls für das Heimatfest werben müssen, und die Festpostkarte, eine verkleinerte Nachbildung des Heimatfestplakates, wird in den nächsten Tagen schon die Druckerpresse verlassen und in den Werbedienst eingestellt werden. Wir hoffen, daß die geschmackvolle Postkarte schon vor dem Feste reißenden Absatz in den Häusern und Familien finden wird. Wir nehmen an, daß die Schlettauer Familien ihre Anverwandten, Freunde und Bekannten noch besonders einladen werden, wie sichs wohl ziemt, und dazu dürfte die Festpostkarte der geeignetste Vordruck sein. In allernächster Zeit werden junge Damen die Festpostkarte in den Häusern zum Kauf ausbieten. Daß die wackeren Verkäuferinnen gute Geschäfte machen, läßt sich wohl erwarten.

Der Ausstellungsausschuß ist ebenfalls emsig bei der Arbeit. Er will zum Feste eine Heimatausstellung inszenieren, die ihres Gleichen suchen soll. Ueberall in den Häusern halten die rührigen Mitglieder Umschau nach Gegenständen, die zur Aufnahme in die Schau geeignet sind. Die Einwohnerschaft selbst gewinnt allmählich Anreiz für das Unternehmen und kommt und bietet ihre Schätze an. Bei dem Eifer, der die Mitglieder des Ausschusses zusammenbindet, läßt sich erwarten, daß die Heimatausstellung ein Ereignis werden wird, das den sämtlichen Veranstaltungen ein großzügiges Gepräge gibt.

Eine Riesenarbeit hat auch der Festzugsausschuß zu bewältigen. Die Ausschußmitglieder sind sich einig in dem Gedanken, daß der Festzug der Glanzpunkt des ganzen Heimatfestes werden muß. Es ist hocherfreulich, beobachten zu können, daß das ganze Stadtvölkchen für die Sache interessiert ist. Alle wollen sie mitmachen, Gruppen oder Festwagen stellen oder im historischen Teile als Mitwirkende sich bestätigen. Na, das wird ein Bild geben, wie man es in Schlettaus Straßen noch nie gesehen hat.

Der Festplatzausschuß hat seine Aufgabe ebenso restlos erfaßt. Es kostete Mühe, die vielen Anmeldungen von Buden, Zelten, Ständen, Reitschulen u. a. zu placieren. Wir werden zum Heimatfest eine kleine Kät hier haben, und das Riesenfeuerwerk am Abend des zweiten Festtages wird die Arbeit des Festplatzausschusses in märchenhafter Beleuchtung erstrahlen lassen.

Werden wir die vielen Festgäste in der Schläte auch unterbringen können? Mit dieser wichtigen Frage beschäftigt sich wochauf wochab der fleißige Wohnungsausschuß. Bei der beinahe sprichwörtlich gewordenen Gastfreundschaft der Schlettauer wird auch dieses immerhin schwierige Problem zu jedermanns Zufriedenheit gelöst werden. Daran ist nicht zu zweifeln. Aber meldet Euch nur alle rechtzeitig an, Ihr lieben Landsleute in der Fremde, damit ausreichende Vorsorge für Euer Unterkommen getroffen werden kann. Anmeldungen nimmt entgegen der Vorsitzende des Empfangsausschusses, Herr Posamentenfabrikant Hermann Greifenhagen.

Die Ausgestaltung des dritten Festtages liegt nach dem Festprogramm dem Sportausschuß ob. Wer einer Sitzung dieses Ausschusses beigewohnt hat, der konnte beobachten, daß auch hier ganze Arbeit geliefert wird. Eine Begeisterung herrscht in der kleinen Arbeitsgemeinschaft, die ein vollkommenes Aufgehen in den übernommenen Verpflichtungen erkennen läßt. Mit ganz besonderem Interesse sehen wir den Veranstaltungen unseres heimischen Piloten Schneider entgegen. Sonnabend, den 16. Juli, wird sein Flugzeug getauft werden und dabei Namen und Wappen der Stadt Schlettau erhalten. Zu diesem feierlichen Akte haben wir neben der Stadtvertretung eine Reihe auswärtiger Herren als Taufpaten geladen. In dankenswerter Weise haben die Paten bereits zugesagt und ihr Erscheinen zu dem feierlichen Akte bestimmt in Aussicht gestellt. Ja, wir werden große Tage erleben!

Die Zusammenstellung des ganzen Vergnügungsprogrammes liegt in den Händen des Vergnügungsausschusses, Die Herren, die hier mitarbeiten, wissen, daß mit dem Vergnügungsprogramm das Fest steht und fällt. Der Ausschuß geht von dem Gesichtspunkte aus, daß ein Heimatfest auf hoher Warte stehen muß. Die Darbietungen sollen samt und sonders den Stempel der Gediegenheit tragen, man soll sehen, daß die Schlettauer es verstehen, Stunden edelsten Genusses zu bereiten. Ich darf heute Einzelheiten noch nicht verraten, nur das eine hebe ich heraus, daß uns auch ein Schlettauer Heimatfestmarsch beschert werden wird. Herr Kantor Junghans in Schneeberg — früher Organist in Schlettau — hat einen Marsch komponiert und der Stadt zugeeignet, bei dessen Weisen auch die eingerosteten Glieder der behäbigen Schlettauer wieder gelenkig werden müssen, und man wird seine Freude daran haben, wenn man sieht, wie die alte Muhme nun nach eigenen Noten stramm in die Musik eintritt.

Der Schmückungsausschuß bietet schon jetzt alles auf, um den auswärtigen Gästen die Heimat in unvergeßlichem Glanze vor die Augen zu führen. Es wird ein überwältigendes Bild werden, das die schmückenden Berufe und die nimmermüden Hände der Ausschußmitglieder in den Straßen der Stadt erstellen werden. Maler, Gartenkünstler, Dekorateure, Architekten, Installateure arbeiten Hand in Hand am Ausbau der Feststadt, und wo eine solche Einmütigkeit herrscht, dort wird etwas Anziehendes geschaffen werden. Der Aufruf an die Einwohnerschaft, das Städtel festtagsmäßig herauszuputzen, ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Ueberall siehst Du die Malergerüste stehen. Dies und jenes Haus erhält eine neue Schürze oder wird mit frischem Putz überzogen. Der alte Hutten würde ausrufen: „Es ist eine Lust zu leben!“

Die Festspielleitung aber ist mit idealem Schwunge an die Einstudierung des Heimatfestspieles herangetreten. Der Vorsitzende des Heimatfestes, Herr Stadtrat Schuldirektor Thomas, hat ein Festspiel „Der silberne Vogel“ gedichtet, das eine bemerkenswerte Episode aus dem Dreißigjährigen Kriege dichterisch ausspinnt. Während des Holckschen Einfalles 1632 war das kostbare Kleinod unserer Schützengilde, der silberne Vogel, von den kaiserlichen Soldaten geraubt worden. Ein lichtscheuer Taugenichts hatte dem kaiserlichen Leutnant Kupfer das Versteck verraten und so den plündernden Kroaten den Schatz in die Hände gespielt. Die Einstudierung des Werkes hat Herr Werner Vogelsang übernommen, der mit seinem bühnengewandten Max Rothe-Ensemble das Festspiel allem Erwarten nach zu einem glänzenden Erfolge führen wird.

Auch der Ausschuß für die Altenspeisung ist bereits zusammengetreten und hat seine Tätigkeit aufgenommen. Montag, den 18. Juli, soll bekanntlich für die ältesten Einwohner der Stadt ein Festmahl bereitet werden. Diese Speisung wird von 11 bis 12 Uhr im „Goldenen Bock“ stattfinden. Die Festleitung hofft, daß gerade durch diese Veranstaltung dem Heimatfeste eine ganz besondere Note gegeben wird. Die Vorbereitung und Durchführung dieser Altenspeisung haben in liebenswürdigster Weise die Damen des städtischen Fürsorgeausschusses und die Helferinnen in der sozialen Wohlfahrtspflege übernommen.

Die wesentlichste Arbeit aber liegt auf den Schultern des Hauptausschusses. Hier laufen die Beschlüsse der Teilausschüsse zusammen, um mit dem ganzen Plane in Einklang gebracht zu werden. Von hier aus ergehen immer neue Anregungen an die einzelnen Festausschüsse, um das Heimatfest immer stilgerechter auszubauen und um neue Anziehungspunkte für die Festtage zu schaffen.

Gutes gewollt mit Vertrauen und Beharrlichkeit führet zum Ziel!

Daß unter solchen Voraussetzungen der Finanzausschuß planmäßig arbeiten muß, liegt auf der Hand. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß die zu diesem Ausschuß gewählten Herren alles tun werden, um dem Feste auch nach dieser Seite hin zu einem großen Erfolge zu verhelfen. Das Gelingen des Heimatfestes nach dieser Richtung hin hängt einzig und allein vom Wetter ab. Der Versuch, einen besonderen Wetterausschuß zu bilden scheiterte leider, weil niemand das Risiko und die Verantwortung übernehmen wollte. Aber, ´s wird schon werden, und wenn der Himmel uns günstig gesinnt ist, dann wollen wir ein Heimatfest feiern, von dem alle, die es mitmachen, zeit ihres Lebens zehren werden. Und dazu ein frohgemutes „Glück auf!“

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 9 v. 18. Mai 1927, S. 11 – 12.