Vom Nationalbaum des Erzgebirges

Von Lehrer H. Dietrich.

Zieht der Herbst ins Land, dann kleiden sich die Laubwälder der Flußauen zum zweiten Male in ein Prachtgewand, diesmal von leuchtender Buntheit! Denn Maler Herbst geizt wahrlich nicht mit Farben! Unsern stillen stolzen Bergwäldern freilich bleibt dieser Reiz versagt. In ihrem satten Grün bleiben sie sich immer gleich im Wandel der Zeit! Pilgern wir aber unsere schönen Landstraßen und Höhenwege am Gebirgskamme entlang, die den Blick hinschweifen lassen über blauende Berggipfel und nebelumwobene Täler, so bietet sich unserem Auge dennoch ein Stück herbstlicher Farbenpracht: Rechts und links säumen sie unseren Weg, die silbergrauen, glatten Stämme der Vogelbeerbäume. Trotzig reckt der meist mehrfach gegabelte Schaft die windzerzauste Krone empor, als wollte er damit sagen: Wer sich hier oben behaupten will im Daseinskampf, der muß hart und zäh sein, wie wir! — Zwischen dem hier noch grünen, dort schon gelb und rötlich gefärbten Laube aber prangt die korallenrote Pracht der Beerenbüschel. Hier tragen sie noch das Orangegelb der Unreife, da leuchten sie zinnoberrot, dort ists ein dunkles Karmin! Kommen wir näher, so hören wirs rascheln im Gezweige, und mit lautem Geschacker streichen sie ab, die Krammetsvögel, im Fluge uns den prächtig braunen Rücken zeigend mit dem grauen Bürzel. Dort schimpfen Amseln über unsere unliebsame Störung, und haben wir besonderes Glück, so stoßen wir hier auch einmal auf eine Reisegesellschaft von zierlichen Weindrosseln mit herrlich weinroten Bauchseiten und Unterflügeln, die Etappe gemacht haben, um sich vor dem Weiterzuge zu stärken. Sie alle geben sich hier kukullischem Mahle hin, als wüßten sie, daß sie heutigentags ein vogelfreundliches Gesetz vor den todbringenden Dohnen schützt, in welche man sie früher mit den süß-sauern, apfelsäurehaltigen Beeren unseres Baumes lockte! „Sorbus aucuparia“ heißt der Vogelbeerbaum mit seinem wissenschaftlichen Namen. Darin liegt noch ein Anklang an jene grausamen Zeiten. Denn das lateinische Wort „aucupium“ bedeutet nichts als „Vogelstellerei“. Die deutsche Bezeichnung „Eberesche“ hat ursprünglich „Afteresche“ bedeutet. Die altertümliche Form „after“ findet man ja auch noch in Luthers Ausdruck „afterreden“, ferner hört man zuweilen „Aftermieter“. Mit dem Ausdruck Afteresche, was wohl so viel wie „falsche Esche“ bedeuten soll, wollte man die Aehnlichkeit des Vogelbeerlaubes mit dem der Esche betonen. Denn die Vogelbeerblätter, welche sich aus den dicken schwarzen Filzknospen entwickeln, bestehen aus zahlreichen kleinen Fiederblättchen genau wie die der echten Esche, die aber sonst mit unserem Baume gar nichts gemein hat.

Bereits in einem Alter von ungefähr 20 Jahren erlangt der Vogelbeerbaum die Fortpflanzungsreife. Dann erscheinen die etwas unangenehm duftenden, gelblichweißen Blütenschirme, deren feinerer Bau, sowie auch die Apfelstruktur der Beeren, unseren Baum als Glied der Rosengewächse dokumentieren. — Du kannst alle europäischen Mittelgebirge durchstreifen und hinaufklettern bis zur Baumgrenze, kannst im Norden den Polarkreis überschreiten, überall begleiten dich unsere heimischen Ebereschen — selbst am Nordkap winken sie Dir Heimatgrüße zu! Ueberblickt man einmal die ganze Sippe der Vogelbeerverwandten — Gebirgler sind sie fast alle: die Mehlbeere, die Elsbeere, der Sperberbaum oder zahme Eberesche, die skandinavische Eberesche oder Oxelbirne, die alpine Zwergmispel und wie sie alle heißen. Das große Lichtbedürfnis und die Genügsamkeit bezüglich des Bodens haben unseren Vogelbeerbaum auch im Erzgebirge bis zur Kammhöhe emporsteigen lassen. Hart und zäh wie der ganze Baum ist auch das Holz, das sich als Wagenholz und für Zellulosefabriken gut eignen soll. Wenn er auch nur ein Alter von höchstens 80 Jahren erreicht, so ist der Vogelbeerbaum doch ein äußerst charakteristischer Bestandteil des heimatlichen Pflanzenkleides! Wacker hat er im Kriege mitgeholfen, durchzuhalten, war es auch nur durch Streckung der Marmelade mit seinen Beeren!

All dies hat es mit sich gebracht, daß sich bei uns hier oben kein anderer Baum der gleichen Volkstümlichkeit rühmen kann wie er, und daß unter all den trauten Heimatliedern unseres Anton Günther keins so oft gesungen wird und keins so weit über die Grenzen unseres Erzgebirges hinaus bekannt ist, wie das Liedel vom „Vugelbeerbam“!

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 3 v. 15. November 1926, S. 10 – 11.