Vom Schlettauer Schloß (10)

Eine geschichtliche Studie von Schuldirektor Paul Thomas.
(9. Fortsetzung.)

Wolf Tiefstetter, „der mannhafte Führer des Fußvolks.“

Wir hatten erfahren, daß nach der Aufhebung des Klosters Grünhain der Schlettauer Besitz den Wettinern zufiel. Als ersten Schloßherrn unter dem neuen Regime lernen wir den Obersten Wolf Tiefstetter kennen, einen Heerführer des Herzogs und nachmaligen Kurfürsten Moritz von Sachsen. Dieser Kriegsmann hatte eine glänzende Karriere gemacht. Er war der Sohn eines Kupferschmiedes und war wegen seiner Tapferkeit bis zum Feldhauptmann emporgestiegen. Als 1542 der Kurfürst von Brandenburg auf des Kaisers Befehl das Feldherrnamt gegen die Türken übernahm, stellte Herzog Moritz von Sachsen sein Fußvolk, „eine stattliche Mannschaft“, unter das Kommando des Obersten Tiefstetter, der sich dem Kurfürsten von Brandenburg anschloß.

Tiefstetter stand beim Landesfürsten in höchstem Ansehen. Als er im Jahre 1544 in Annaberg Hochzeit feierte mit Katharine Unsinn, der Tochter eines Ratsherren, wohnte Moritz als Gast der Hochzeit bei. 1546 hielt er vor dem Wolkensteiner Tore Heerschau über 2500 Mann, die er für den Herzog im Gebirge geworben hatte. Als zwei Tage nach der furchtbaren Schlacht zwischen Peina und Sievershausen (9. Juli 1553) Herzog Moritz seiner schweren Verwundung erlag, standen an seinem Sterbelager der Hofprediger Weiß, Joachim von Gersdorf, Sigismund von Miltitz, der mannhafte Führer des Fußvolks, Tiefstetter, Thilo Throtha, der Stallmeister Kurtzleben, Doktor Neffe und der innige Freund und Rat des Fürsten, Christoph von Carlowitz. Nun schreibt Zschocke (in Grohmann: „Das Erzgebirge und seine Städte“): „Noch im Tode seinem Herrn getreu folgte er diesem noch in demselben Jahre, am 1. Oktober, im Tode nach.“ Im Hauptstaatsarchiv liegt aber (datiert Michaelis 1553) ein Bestallungsbrief für Wolf Tiefstetter, Amtmann zu Schellenberg und Schlettau, und unter dem 5. Mai 1557 ist ein Akteneintrag zu lesen: „Schloß nebst Vorwerk und allen Nutzungen — auf 55 Schock Groschen veranschlagt — wird dem Obersten Tiefstetter zeitweilig überlassen.“ Den Zwiespalt fand ich aber ausgeglichen, als ich in dem nachgelassenen Manuskripte Zschockes („Zusammengetragenes über Schlettau“) las, daß Tiefstetter 1572 gestorben sei.

Tiefstetter wurde in der Kirche zu Schlettau beigesetzt. Die Gruft befand sich in der Ecke rechts vor dem Altarplatze. Auch Tiefstetters Gemahlin fand hier ihre letzte Ruhestätte. Bei der Kirchenerneuerung 1889 wurde die Gruft aufgeschlossen. Auf der Grabplatte stand der Denkspruch: „Klug beim Rat, tapfer zur Tat, kühn im Wagnis.“ Zschocke erwähnt noch, daß Kurfürst August den Wolf Tiefstetter wegen seiner Verdienste um die Landesverteidigung in den Adelsstand erhob.

Nach Tiefstetters Tode finden wir den Zehntner Hans Unwürden aus St. Annaberg als Pächter des Schlosses und des Vorwerks. Als Belohnung für seine langjährigen treuen Dienste war ihm „Haus und Forberg Schlete mit allem Zubehör, wie unser gewesner Oberst Wolf Tiefstetter sie innegehabt“, bis auf sein Lebensende zum Gebrauch und zur Nutznießung überlassen worden. Unwürden führte mit der Landesregierung einen ziemlich umfangreichen Briefwechsel wegen Pachterniedrigung. Aus seinen Eingaben erfahren wir manches über den Zustand des Vorwerks und der dazu gehörigen Feld-, Wiesen- und Waldstücke. Die Fischwässer im Gebiete gehörten ausnahmslos in den Pacht des Vorwerks. Es werden namentlich drei Teiche genannt: der Ziegelteich, der tiefe Teich und der breite Teich. Außerdem befanden sich beim Schloß neben dem Wallgraben drei Teichlein. Von den umliegenden Wäldern wird die Hohe Tanne als Schloßbesitz ausdrücklich benannt.

Viel Wert hatten die Vorwerksfelder nach den Angaben Unwürdens nicht. „Die Vorwerksfelder,“ schreibt er, „sind kalt, sehr gering und mager. Dazu unerträglich und es ist kein sonderlicher Nutzen zu erwarten. Man kann auf den Feldern jährlich kaum 10 Schock Hartgetreide und nur gegen 15 Schock Hafer erbauen, Gerste gerät nur selten.“

Tiefstetter hatte Zeit seines Lebens, obwohl er die Felder fleißig wartete und immer zur rechten Zeit die Aussaat bestellte, niemals über 10 Schock Hartgetreide und über 20 Schock Hafer geerntet. Das Vorwerk trug höchstens 12 melkende Kühe, denn die Wiesen brachten kaum 25 bis 26 Füderlein Heu. Die Wiesen lagen zu tief, wegen des Wassers waren sie gefährlich gelegen, sie wurden des öfteren verschlemmt, das Heu war dreckig und nicht zu genießen, von den Fluten der Bäche wurde Kies und Hall draufgeführet, sodaß der Heuwuchs vielmals gar nicht zu genießen ist. Er muß weggeworfen werden und das nötige Futter für das Vieh muß gekauft werden. Es war beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, die sumpfigen und verschlemmten Wiesen mit Geschirren zu befahren, das Vieh nahm Schaden und fiel um.

Die Teiche am Schlosse waren auch nicht viel wert. Sie konnten notdürftig mit 15 Schock Setzlingen besetzt werden, aber die Fische wuchsen nicht und nahmen nicht zu.

Dazu käme nun noch, daß auf dem Vorwerke keine Frohnten ruhten. Das Vorwerk mußte also ohne jedwede Unterstützung der Schlettauer Bauern seinen Grund und Boden selbst bestellen.

Alle diese Unzulänglichkeiten veranlaßten den Pächter, bei dem Landesfürsten um Pachtnachlaß nachzusuchen. (Der jährliche Pacht betrug 75 Gulden.)

Ob sich Wolf Tiefstetter immer im Schlosse zu Schlettau aufgehalten hat, habe ich nicht feststellen können. Da er zugleich auch Amtmann von Schellenberg war, so läßt sich vermuten, daß er bald hier, bald dort sein Wesen hatte. Jedenfalls war ihm aber das Haus zu Schlettau der liebste Besitz, was wir daraus schließen dürfen, daß er in Schlettau, in dem altehrwürdigen Gotteshause, begraben sein wollte. Es ist bedauerlich, daß man bei den Erneuerungsarbeiten in unserer Kirche 1889 die Gruft Tiefstetters nicht zu erhalten versucht hat. Sollte nicht wenigstens die obenerwähnte Grabplatte irgendwo aufgestellt worden sein? Das wäre doch auch ein Denkmal aus bedeutsamer Zeit unseres Städtleins gewesen, das man fein säuberlich hätte behandeln sollen.

In ganz besonderem Maße hat mich immer der Denkspruch auf Tiefstätters Grabplatte eingenommen gehabt:

„Klug im Rat, tapfer zur Tat, kühn im Wagnis!“

Ich meine, daß gerade diese Worte in der Zeit, wo wir in der Vorbereitung zu unserm Heimatfeste stehen, den zaghaften Geistern den Weg zum Erfolg zeigen müßten. So soll uns der „mannhafte Führer aus großer Zeit“ an die Hand nehmen, und mit seiner Wesensart ausgerüstet werden wir Großes schaffen zum Ruhme unserer lieben alten Heimatstadt Schlettau. Glückauf!

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 10 v. 20. Juni 1927, S. 1 – 2.