Von den „Aardäppeln“ in Schlettau

Von Lehrer H. Dietrich.

Kann sich einer unser Erzgebirge und in Sonderheit die traute Heimatstadt ohne Kartoffelbrei, „eingeschnittene“ und „runde“ Aardäppeln, ohne „Toppkließ“ und „rauche Mad“ oder „Bröselgötzen“ vorstellen? Gewiß nicht! Oder gibt es jemand, der nicht schon etliche Säcklein dieser guten Knollen in der verschiedensten Form und Aufmachung seinem Magen einverleibt hätte? Wenige von diesen allen jedoch werden sich schon einmal die Frage nach dem „Woher?“ dieses edlen Gewächses vorgelegt haben, noch ahnen sie, welch bewegte Vergangenheit gerade unsere Kartoffel hinter sich hat! Wenn nun aber wiederum die Zeit herangekommen ist, da uns der Wind aus allen Richtungen der Wetterfahne den brandigen Geruch schwellenden Kartoffelkräuterichs in die Nase trägt, so müßten von Rechts wegen in diesen Jahren unsere Schlettauer Kartoffelausmacher eigentlich mit ganz besonderer Feierlichkeit und Ehrfurcht zu ihrer Aardäppelhacke greifen! Kann doch die nützliche Pflanze jetzt bei uns ein 200jähriges Ortsjubiläum feiern! Anläßlich dieser wichtigen Begebenheit lohnt es sich wohl, einiges aus dem wechselvollen Schicksal des Knollenträgers zum Besten zu geben: Die Kartoffel stammt aus einer recht zweifelhaften Pflanzenfamilie, sie gehört zu den Nachtschattengewächsen, unter denen die Tollkirsche der bittersüße Nachtschatten und das Bilsenkraut als mordlustige Gesellen hinreichend verrufen sind. Ihre berühmtesten Vettern sind jedoch Paprika, Tomate und Tabak. Die Kartoffel ist wie unsere aus Asien stammenden Getreidearten, eine Ausländerin und stammt vermutlich aus dem südamerikanischen Hochgebirge, den Anden, im Staate Chile. Wer sie von dort nach Europa eingeführt hat, darüber ist ein ziemlicher Gelehrtenstreit entbrannt. Lange Zeit bezeichnete man 2 englische Seefahrer, Walter Raleigh 1584, oder Franz Drake 1586, als erste Importeure, doch hat dies der Forschung nicht standhalten können. Es steht jetzt ziemlich fest, daß die Kartoffel schon Mitte des 16. Jahrhunderts nach Spanien gebracht wurde, nachdem sie in Amerika schon längst als Nutzpflanze bekannt war. Zweifellos hat man in Europa zunächst mit ihr nichts anzufangen gewußt, denn man benutzte sie als Zierpflanze. In der Tat sind ja die Blüten eine Zierde des Gewächses, wenn sie ihm auch sehr wenig nützen, da sie keinen Honig besitzen, also auch Insekten schwerlich anlocken und oft gar nicht zur Fruchtentwicklung kommen. Es soll damals in Europa Leute gegeben haben, welche sich aus den grünen Kartoffelfrüchten, bei unserer lieben Jugend als Wurfgeschosse äußerst beliebt, ein Mahl zu bereiten suchten, was ihnen aber nicht gerade sehr gut bekommen sein soll, da diese Kartoffelbeeren giftig sind. Sehr zeitig wanderte die Kartoffel nach Italien. Hier wurde man auf die unterirdischen Stengelteile aufmerksam. Denn die Knollen sind eben nichts anderes als unterirdische, verdickte Stengelstücke, denn sie tragen ja Knospen oder „Augen“ und dienen der Pflanze weit besser zur Fortpflanzung als die Blüten, wie bereits oben bemerkt. In Italien verglich man die Kartoffeln mit der Trüffel und nannte sie darum „Tartufoli“, woraus dann die deutsche Bezeichnung „Kartoffel“ entstanden ist. Freilich, über das Viehfutter konnte sich die Kartoffel auch im Italien kaum erheben, was seinen Grund mit darin haben dürfte, daß die Kartoffeln von damals sicher nicht zu vergleichen waren mit dem, was jahrhundertelange Zucht heute aus ihnen gemacht hat. Aber auch dort, wo sie schmackhafter waren begegnete ihre Einführung in Europa allenthalben den größten Schwierigkeiten.

Hauptsächlich lag es am Konservatismus der Landbevölkerung, die in allem Neuen etwas Unbrauchbares sah. Anderorts erblickte man in den Knollen wieder eine Delikatesse, die sich höchstens Begüterte leisten konnten. So fehlt es in der Geschichte unserer Pflanze nicht an mancherlei Komischem. Recht spaßhaft scheint beispielsweise die Einführung der Kartoffel in Frankreich gewesen zu sein. Hier bemühte sich unter der Regierung Ludwigs XVI. am Ende des 18. Jahrhunderts besonders ein gewisser Parmentier um das Knollengewächs. Seine Einführungsversuche bei den französischen Bauern blieben solange ohne Erfolg, bis er um Paris herum viele Felder mit Kartoffeln bepflanzte, diese aber von scharfbewaffneten Wächtern umstellen ließ und aufs strengste verbot, Kartoffeln zu stehlen! Sie seien, so sagte er, nur für König und Adel, nicht aber für das gewöhnliche Volk! Das half! Man mauste Kartoffeln, so viel man nur immer fortbrachte! Warum sollten den die „Großen“ etwas Besseres haben! — Das Verdienst, die Kartoffeln erstmalig in Deutschland angebaut zu haben, gebührt nach Darmstädter dem französischen Botaniker Carolus Clusius, der 1588 als Direktor des Botanischen Gartens in Wien Kartoffelknollen aus Italien erhielt und in Wien und Frankfurt anbaute.

Freilich bis zur allgemeinen Einbürgerung im deutschen Vaterlande verging noch eine große Spanne Zeit. Es gab dieselben Hemmungen wie überall in Europa. Harte Strafen bei Weigerung und Anbauprämien haben nur ganz allmählich zur Verbreitung beigetragen. Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. und sein Sohn Friedrich der Große haben sich ganz besonders um die Förderung des Kartoffelanbaues bemüht. Das letzte Mißtrauen, welches man noch immer gegen den amerikanischen Einwanderer hegte, es wurde gebrochen durch schlimme Zeiten der Not: nämlich durch große Mißernten in Deutschland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, von denen 1771 – 72 auch unser Erzgebirge, besonders Schneeberg, Crottendorf, Eibenstock und Chemnitz, nicht verschont blieb. Diese traurigen Umstände haben dann auch in der Tat der Kartoffel zum Siege verholfen, und heute ist sie ja ein rechter Allerweltsbürger geworden.

Unser Schlettau aber darf sich rühmen, schon recht früh dem nahrhaften Knollenträger Tore und Felder geöffnet zu haben. Im Jahre 1725 brachte nämlich der Oberforstmeister von Beulwitz, der große Güter im Vogtlande besaß, von dort die ersten Kartoffeln nach Schlettau, wo sie dann den Namen „Vogtländische Knollen“ führten. Die Kartoffel ist also in Schlettau vermutlich erstmals im Jahre 1726 angebaut und geerntet worden, so daß sie tatsächlich heuer ihr 200jähriges Ortsjubiläum feiern kann.

Lange hat unsere Jubilarin gebraucht, um sich Anerkennung zu verschaffen und sich den Platz zu erringen, den ihr heute niemand streitig machen wird neben dem täglichen Brote! Was sie uns zu bedeuten hat, werden wir am besten fühlen, wenn wir uns noch einmal die üble Kohlrübenzeit des Krieges recht anschaulich vor unser geistiges Auge stellen! Dann wird sicher ein jeder mit dem Dichter unseres gebirgischen Aardäppelliedes in den freudigen Ruf einstimmen:

Aardäppel, du söllst laam!

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 2 v. 15. Oktober 1926, S. 10 – 11.