Von Katern und Katzen

Von Lehrer H. Dietrich.

Von Katern und Katzen soll in Nachfolgendem ein wenig geplaudert werden! Dabei sind nicht mit Unbedacht die Katzen ausdrücklich erwähnt! Es könnten doch in den Zeiten besonders starken Gerstensaftes Irrtümer aufkommen, ob etwa gar jene Kater gemeint sein könnten, die eine gewisse Affenähnlichkeit aufweisen und am besten mit Hering oder sauren Gurken zu bekämpfen sind! Nein und abermals nein! Es sind wirklich jene schlanken, elastischen Mäusejäger gemeint, deren herzzerreißende Serenade wir in den bevorstehenden Nächten zu bewundern wieder einmal Gelegenheit haben werden – Töne, die da „Steine erweichen, Menschen rasend machen“ können! Es dürfte kaum einem Zweifel unterliegen, daß den alten Deutschen Kater von der oben erwähnten Sorte sicherlich gut bekannt waren. Unsere lieblich miauende Hauskatze ist ihnen aber auf jeden Fall noch unbekannt gewesen! Unsere Wälder beherbergten zwar schon von alters her die Wildkatze, die ja noch heute manch europäisches Gebirge bewohnt. Wer aber meint, dieser Wildkater wäre der Urahn unserer heutigen Hausmiez, der ist stark im Irrtum! Beide Katzenarten weisen nämlich in anatomischen Körperbau wesentliche Unterschiede auf, von denen nur der viel gedrungenere Rumpf und der kurze, dickbuschige und gleichmäßig dicke Schwanz der Wildkatze hervorgehoben werden soll.

Doch woher kam sie denn da, unsere schnurrende Hausgenossin? Es steht heute fest: Die Stammeseltern der Hauskatze lebten im gesegneten Lande der Pharaonen, in Ägypten am Gestade des Nils! Unter den Schriftstellern des Altertums ist es besonders der griechische Geschichtsschreiber Herodot, der um das Jahr 430 vor Christi Geburt lebte, und der uns viel Interessantes über die Hauskatze in Ägypten berichtet: Die Ägypter erblickten in der Katze eines ihrer heiligsten Tiere. Sie war einer ihrer Göttinnen geweiht und genoß große Ehren. Wer eine Katze tötete, gleich viel ob absichtlich oder aus Versehen, wurde vom Volke erschlagen wie ein Mörder! Starb die Hauskatze, so war eitel Trauer im Hause. Die Katzenleiche aber wurde einbalsamiert und in Tücher gewickelt begraben! Was jene alten Schriftsteller erzählen – die zahlreichen Ausgrabungen in der Neuzeit haben es voll und ganz bestätigt! Man hat überall in Ägypten bildliche Darstellungen von Katzen gefunden. Nicht nur dies, man hat ganze Katzenfriedhöfe mit Massengräbern voller Katzenmumien ausgegraben, deren Alter nunmehr rund 4000 Jahre beträgt, denn schon 2 Jahrtausende vor Christo war die Katze in Ägypten Haustier. (Katzenfriedhöfe in Bubastis und Siut.) An zahlreichen dieser sorgfältig präparierten Katzenmumien ist Haut und Haar noch sehr gut erhalten. All diese Katzen zeigen nun eine fast völlige Übereinstimmung mit einer afrikanischen Katzenart, die noch heute in Nubin, Abessynien, dem Sudan und in Palästina vorkommt: „Falbkatze“ nennt man sie wegen ihrer fahlgelben, verwaschen gebänderten Zeichnung. Es steht heute wohl einwandfrei fest, daß diese afrikanische Falbkatze die wichtigste Stammutter unserer Hauskatze ist, wenn vielleicht auch noch anderes Blut mit in ihren Adern rollen dürfte, so vermutlich beispielsweise das des ägyptischen Sumpfluchses.

Es scheint, als habe sich die Katze von Ägypten aus zunächst nach Osten zu verbreitet, um dann mit den Arabern nach Spanien zu kommen. Karl der Große, der Förderer des Mönchswesens, trug ungewollt auch zur Verbreitung der Hauskatze bei. Immerhin muß in jenen Jahrhunderten die Katze in Nordeuropa noch recht selten gewesen sein. Schwerlich hätte sonst ein englischer Fürst um 950 ein besonderes Gesetz erlassen, welches genau des Kaufpreis für einen solchen Mäusejäger festgesetzt und streng unterscheidet zwischen Katzen, die noch nie eine Maus gefangen und solchen, denen solch eine Jagd mindestens schon einmal geglückt ist! Gleichzeitig werden äußerst harte Strafen ausgeworfen für Katzendiebe und Katzenquäler! Die allgemeine Verbreitung unseres Haustieres über ganz Europa scheint aber doch eine Folge der Kreuzzüge gewesen zu sein, die ja so manches Fremdartige auf deutschem Boden heimisch machten. In den abergläubischen Zeiten des Mittelalters war unsere nächtliche Jägerin bald mit allerlei Zauberkunst und Hexenglauben umwoben. Sicherlich ist dabei manches mit auf ihr Konto gekommen, was ursprünglich im germanischen Götterglauben ihrer deutschen Verwandten, der Wildkatze, gegolten! Vor allem die schwarzen Katzen waren es ja, die sich besonderer Gunst des Höllenfürsten Beelzebub erfreuten, daher zu jedem ordentlichen und zunftgemäßen Hexenmeister dazu gehörten! Doch nicht nur zu eitel Schandtaten hielt man sie für fähig. Sie besaß angeblich auch die Gabe, Besuch zu prophezeien, und eine dreifarbige Katze konnte sogar einen Brand löschen wenn man sie hineinwarf! Unserem wackeren Erzgebirgsforscher Lehmann ist die Katze als Haustier schon völlig bekannt und ist im 17. Jahrhundert hierzulande anscheinend schon ganz allgemein verbreitet. Lehmann weist schon in seinem Werke auf die grundverschiedene Einstellung der Menschen zu unserer Hauskatze hin: Die einen lieben sie zärtlich, die anderen verfolgen sie mit Haß. Vor allzu großer Vertraulichkeit warnt er, der Pestgefahr wegen, welch schreckliche Seuche sie seiner Meinung nach durch ihr Herumtreiben leicht verschleppen kann. Überhaupt scheint er den Katzen seiner Zeit nicht gerade sehr „grün“ gewesen zu sein. Wenigstens kann man in seinem „Historischen Schauplatz“ die schauerlichsten Geschichten von Katzen als Kindermördern, Leichenschändern und Mordbrennern lesen!

Läßt man so einmal die Stammesgeschichte unseres sammetpfötigen Hausgenossen an sich vorüberziehen, so muß man feststellen, daß das Ansehen dieses Tieres nach und nach bedenklich ins Wanken und Bergrutschen gekommen ist. Denn der philosophisch begabte Kater „Hiddigeigei“ aus Scheffels Trompeter von Säckingen und der brave „Hinze“ aus dem „Reineke Fuchs“ sind doch nur Ausnahme-Berühmtheiten! Ihrem ehemaligen Charakter als einzellebiges scharfsinniges Jagdtier ist die Katze bis heute ziemlich treu geblieben und ist daher nicht in dem gleichen Sinne Haustier und Untertan des Menschen wie etwa der Hund. Es sind ihr eben in ihrem Wesen nach Züge jener Wildheit und vielleicht auch Verschlagenheit des nächtlichen, schleichenden Räubers erhalten geblieben, und sie ist in vielem ein Löwe oder Tiger im kleinen! Daher leitet sich wohl auch die Tatsache, daß es so viele verwilderte Katzen gibt – bestgehaßt von Forstleuten und Vogelfreunden! Es läßt sich aber nicht leugnen, daß ihr Wesen auch nicht mancherlei des Anziehenden entbehrt, und die lauernde, die anschleichende, die springende Katze zeigt Körperlinien voll Schönheit und Grazie! Und wenn dann der Winter dem Vorfrühlinge das Feld räumt, wenn uns dieser die strahlenden Vollmondnächte beschert, und wenn dann gar gewaltig das Liebessehnen in Katers und Miezens Herzen sich regt, dann wird sich auch noch die große Vielfältigkeit und Stimmbegabtheit des Katzenorgans von neuem offenbaren! (Ein Überrest aus dem Wüstendasein der Katze als Mittel zum gegenseitigen Auffinden der Geschlechter!) Dann werden auch Baumbachs schöne Verse erneut Geltung erhalten:

Es werden „… alle Kater kühn – und alle Jüngelinge!“

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 2. Jahrgang, Nr. 7 v. 19. März 1927, S. 7 – 8.