Warum schreibt man Heimatzeitungen?

Von Schuldirektor Paul Thomas.

Dr. Wuttke schreibt im Vorwort zu seinem 1900 in Dresden bei G. Schönfeld erschienenem Buche: „Sächsische Volkskunde“: „Nicht mehr wie vor alten Zeiten wachsen wir moderne Menschen in und mit unserer Umgebung auf; bald wohnen wir da, bald dort, und unter diesem steten Wechsel des Wohnortes leidet das echte Heimatgefühl. Immermehr schwinden bei dem einzelnen die Eindrücke, die er in der Jugendzeit durch die Ueberlieferung seiner Eltern, durch die Geschichte seiner Heimat oder durch die besondere Kultur seines Stammes erhalten hat. Und doch liegen hier die Kräfte verborgen, aus denen die wahre Liebe zum engeren Vaterlande, die Freude an dem väterlichen Erbe und die Ehrfurcht vor den Taten unserer Vorfahren entspringen. Diese Kräfte müssen gestärkt werden; wir müssen wieder die Liebe zur Vergangenheit pflegen und lernen, uns an dem stillen Wirken der Volksphantasie und des Volksglaubens zu erfreuen.“

Wenn Wuttke aus solchen Gedankengängen die Berechtigung zur Herausgabe seines leider viel zu wenig bekannten Buches ableitet, so könnte man dieselben Worte auch in die Ankündigung jeder Heimatzeitung setzen. Heimatliebe und Heimattreue dürfen nicht verloren gehen, es sind noch Werte, die keiner Inflation verfallen dürfen, und wem das Wohl der Heimat am Herzen liegt, der wird freudig mit zufassen, wenn es gilt, ein Unternehmen zu stützen und zu fördern, das dazu angetan scheint, Heimatliebe und damit zugleich Vaterlandsliebe zu pflegen, zumal in einer Zeit, wo es sich bewähren muß, daß die starken Wurzeln unserer Kraft nirgendswo anders liegen als im Mutterboden der heimatlichen Scholle.

Wie ungemein wohl Heimatgrüße tun, das habt Ihr alle erfahren, die Ihr draußen in Feindesland gestanden seid. Wie dankbar habt Ihr alles entgegengenommen, das nach Heimaterde duftete, wie begierig habt Ihr zugegriffen, wenn Euch die Feldpost Zeitungen, Schriften, Druckstücke aus der Heimat in die Hand drückte. So sind auch viele Heimatzeitungen aus den Erfahrungen des Krieges herausgewachsen, und sie haben sich meist auch in den trüben Zeiten halten können, wo so manche andere Zeitung im Nebeldunst der Inflation ersticken mußte.

In den Blättern des „Heimatschutzes“ stand einmal geschrieben: „Wir sind ein armes Volk geworden. Die Zeiten sind vorüber, da auch der kleine Mittelstand zu seinem Vergnügen weite Reisen in die Ferne unternehmen konnte. Wir werden uns mehr darauf beschränken müssen, zu unserer Erholung die an Schönheiten der Natur und der Baukunst so reiche engere Heimat aufzusuchen, und sicher wird das unser Schaden nicht sein. Viele, ja die meisten von uns schweiften in die Ferne, ehe sie das Gute und Schöne der Heimat, das so nahe liegt, kennen lernten. Die Heimatzeitungen können den Wanderlustigen auf manche verborgen gebliebene Naturschönheit, auf manches alte Denkmal vaterländischer Geschichte und Kultur aufmerksam machen und ihn veranlassen, seine Schritte dorthin zu lenken.“

Solchen Erwägungen verdanken nun auch unsere „Schlettauer Heimatblätter“ ihr Erscheinen. Wir sind erst lange mit uns zu Rate gegangen, ob wir das Unternehmen wagen sollten. Die schwerwiegende Frage, ob sich eine Lesergemeinde zusammenfinden würde, die mit Interesse den Fortbestand der Heimatblätter garantieren könnte, machte uns den Schritt nicht leicht. Nachdem wir nun aber schon nach Erscheinen der beiden ersten Nummern so überaus viele freudige und dankbare Zustimmungen aus allen Kreisen, von nah und fern, erhalten haben, ist es uns eine Freude geworden, in dieser gewiß schönen Sache die Feder führen zu können.

Wir verknüpfen damit wiederholt die Bitte an, den Heimatblättern auch durch Mitarbeit das Interesse zu bekunden. Vor allem Ihr draußen in der Ferne lebenden Schlettauer, laßt mal etwas von Euch hören, kramt aus Euern alten Erinnerungen aus, was für die Allgemeinheit einen Anreiz hat, und Ihr sollt sehen, wie dankbar man Eure Beiträge entgegennehmen wird.

„Glück auf!“

Quelle: Schlettauer Heimatblätter. 1. Jahrgang, Nr. 3 v. 15. November 1925, S. 1 - 2